„Hamburg ist der Ort, an dem meine Träume wahr wurden.“ 

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Die an der Alster lebende Chanson- und Popsängerin Annett Louisan hat Sehnsucht. Und genau darum geht es in ihrem neuen, gleichnamigen Album. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sich bei ihr dieses Gefühl in den letzten Jahren verändert hat, wie sie Frauen in ihrer Musik darstellen will und was ihr derzeit Hoffnung gibt.

Alster Magazin: „Sehnsucht“ ist der Titel Ihres neuen, mittlerweile elften Albums. Was bedeutet Sehnsucht für Sie heute – und hat sich Ihr Blick darauf im Laufe der Jahre verändert?
Annett Louisan: In der Tat sehne ich mich heute nach etwas anderen Sachen und ich interpretiere Sehnsucht heute auch ein bisschen anders als noch vor ein paar Jahren. Ich jage nicht mehr dem Unerreichbaren, dem Drama hinterher. Ich versuche, meine Wünsche eher Schritt für Schritt zu verwirklichen, ohne den Anspruch auf Perfektion, und versuche dabei, den Moment zu genießen. Das habe ich früher noch nicht gekonnt, vor lauter Euphorie. Mich an den kleinen Sachen im Leben zu erfreuen, sie zu schätzen – das schenkt mir unfassbar viel Frieden. Danach habe ich heute Sehnsucht.

In Ihren neuen Songs geht es auch um das, was danach kommt: Enttäuschung, Ernüchterung, Klarheit. Ist Sehnsucht für Sie heute also weniger romantisch und mehr eine Form von Selbstreflexion?
Der Wunsch nach Vervollständigung und der Verbindung zum Leben geht immer Hand in Hand mit Selbstreflexion. Zufriedenheit gibt es nicht ohne Unzufriedenheit. Wachstum erfolgt nicht ohne Schmerz und Arbeit. Das muss man akzeptieren und aushalten lernen. Sehnsucht ist immer auch Hoffnung und Treibstoff für Wandel. Wenn man aber vor allem wegläuft, was unbequem ist, und alles verdrängt, was wehtut, läuft man vor sich selbst davon. Ich nutze heute all diese Gefühle und roten Lampen, die leuchten, um mir das genau anzuschauen. So erkenne ich, wer und was in meinem Leben zu mir passt und mir guttut.

Sie haben über die Jahre eine große weibliche Perspektive in der deutschen Popmusik geprägt. Welche Bilder von Frauen und Beziehungen möchten Sie mit Ihrer Musik vermitteln?
Während es am Anfang meiner Karriere noch als emanzipiert galt, wenn Frauen in typisch männliche Rollen schlüpften, bin ich froh, dass sich das mehr und mehr wandelt und wir alle unseren eigenen Weg finden dürfen. Es gibt mehr weibliche Stereotype und nicht mehr nur ein Schönheitsideal und weibliches Klischee. Ich erzähle seit jeher Geschichten von unterschiedlichen Frauen und Blickwinkeln. Es gibt nicht den einen Weg, die eine Wahrheit. Das ist mir wichtig zu vermitteln. Frauen sind Individuen. Die Sehnsucht nach Weiblichkeit und tiefer Schwesternschaft war immer sehr groß in mir, aber sie tritt immer selbstbewusster zum Vorschein. Das liegt daran, dass es mittlerweile viel mehr Wissen über die Auswirkungen des Patriarchats gibt, und es liegt am Alter, welches mich klarer sehen lässt.

Auch auf diesem Album stellen Sie das Frausein auf den Prüfstand. Was bedeutet es für Sie, heute eine Frau in den Vierzigern zu sein – gerade in einer Branche, in der Frauen oft sehr stark über Jugend definiert werden?
Ich singe über alles, was ich wichtig finde und empfinde immer weniger Scham. Das ist so befreiend. Es gibt nichts Lähmenderes als Scham, und die hat man uns Frauen früh eingeimpft. Altersarmut bei Frauen, Frauengesundheit und die Tatsache, dass erfolgreiche Frauen noch immer viel zu oft von Männern und anderen Frauen dafür abgestraft werden, sind beispielsweise Themen auf meinem Album. Und ich sage im Brustton der Überzeugung: Ich liebe es, eine ältere Frau zu sein. Ich finde das so spannend und sexy. Ich möchte dahin, wo ich noch nie war, und keine Zeit verschwenden, Dingen hinterherzutrauern, die ich nicht ändern kann. Frauen werden radikaler und stärker im Alter. Das dürfen wir nie vergessen. Das ist eine Chance und kein Hindernis!

Ihre ostdeutsche Geschichte spielt auf dem Album ebenfalls eine Rolle. Wie stark prägt Sie diese heute noch?
Ich würde sagen, dass Hamburg mich mittlerweile sehr viel mehr geprägt hat. Als ich damals mit 12 Jahren mit meiner Mami am Hauptbahnhof ankam, kam ich mir vor, als sei ich Dorothy „aus Der Zauberer von Oz“. Oh Toto, ich glaub, wir sind nicht mehr in Tennessee. Hamburg ist der Ort, an dem meine Träume wahr wurden. Schönhausen ist der Ort, an dem ich sie damals geträumt habe.

Nach mehr als 20 Jahren Karriere: Gibt es Dinge im Musikbusiness, die Sie heute bewusst anders machen als zu Beginn Ihrer Laufbahn?
Ich involviere mittlerweile immer einen Anwalt bei Vertragsverhandlungen und ich lasse mich auch therapeutisch begleiten, denn Leistungsdruck in der Öffentlichkeit bringt Wehwehchen mit sich, die man vielleicht nicht sofort selbst erkennt.

Wir erleben gerade eine Zeit, in der Debatten rauer werden und gesellschaftliche Gräben größer erscheinen. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr – und kann Kunst dabei helfen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen?
Kunst ist eine universelle Sprache, die sich immer universellen Menschenrechten verschreiben sollte. Sie bietet einen Schutzraum, Identifikationsfläche, rüttelt auf oder verbindet im schönsten Fall.

Was macht Sie derzeit gesellschaftlich wütend – und gibt es gleichzeitig etwas, das Ihnen Hoffnung macht?
Hoffnung kann ich mir selbst nur verlässlich geben. Solange ich mich so verhalte, wie ich es von anderen erwarte, verliere ich meine Hoffnung nicht. Die jüngeren Generationen geben mir Hoffnung. Ich finde die ganz toll. Empathisch, idealistisch und tiefgründig. Ich kann dieses Gemecker überhaupt nicht nachvollziehen.

Am 12. September präsentieren Sie „Sehnsucht“ erstmals live in der Elbphilharmonie – nur einen Tag nach der Veröffentlichung des Albums. Was bedeutet es für Sie, dass die neuen Songs in Hamburg und an diesem Ort zum ersten Mal vor Publikum erklingen?
An solchen besonderen Abenden in meiner Heimatstadt spüre ich mein ganzes Leben auf ganz besondere Weise.  

Interview: Hanna Odenwald

CD-Tipp: Sehnsucht, Annett Louisan, 18 €

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Foto: © Mischa Lorenz