„Kommunikation ist so viel mehr als nur Stimme oder Sprache“

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Caroline Kiesewetter ist Schauspielerin – etwa Anne Lichtenhagen in rote Rosen – steht gerne auf Theaterbühnen, hat als Jazz-sängerin Alben veröffentlicht und Hörbücher gesprochen. Seit kurzem ist sie auch Gebärdensprachdolmetscherin, u. a. im Dialoghaus Hamburg. Wir wollten von der Hamburgerin wissen, was sie zu diesem Schritt veranlasst hat.

Du bist Schauspielerin und Sängerin, lebst also gerade bei letzterem von deiner Stimme – wie und warum bist du draufgekommen, auch über Gebärden zu kommunizieren und den Beruf zu erlernen?
Ich glaube, mich hat von Anfang an fasziniert, dass Kommunikation so viel mehr ist als nur Stimme oder Sprache. Als Sängerin arbeite ich natürlich stark mit Klang und Emotionen – und in der Gebärdensprache habe ich plötzlich eine ganz andere, unglaublich ausdrucksstarke Ebene entdeckt. Da wird mit Händen, Mimik, Haltung und Blickkontakt erzählt. Das hat mich als Schauspielerin sofort berührt und ich wollte sofort wissen, wie diese Sprache funktioniert.
Außerdem finde ich es schön, dass Gebärdensprache Menschen verbindet, die sonst oft ausgeschlossen werden. Ich habe dabei sehr viel gelernt – nicht nur sprachlich, sondern auch menschlich. Und je mehr ich mit gehörlosen Menschen gearbeitet und Zeit verbracht habe, desto größer wurde der Wunsch, diese Sprache wirklich ernsthaft zu lernen und professionell einzusetzen.

Ist es schwer es zu erlernen? Welche Voraussetzungen sollte man haben?
Wie jede Sprache braucht auch Gebärdensprache Zeit, Geduld und regelmäßige Praxis. Viele unterschätzen das am Anfang ein bisschen. Es geht nicht nur darum, Gebärden auswendig zu lernen, sondern auch um Grammatik, Ausdruck und kulturelles Verständnis.
Hilfreich sind auf jeden Fall Offenheit und die Bereitschaft, aufmerksam zuzuhören – auch ohne Worte. Man lernt, viel genauer hinzusehen. Und natürlich hilft es, keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Die meisten Menschen freuen sich, wenn man sich ehrlich bemüht, miteinander zu kommunizieren.

Gibt es Gebärden-Zeichen, die international verständlich sind, oder muss man in jeder Sprache alles neu erlernen?
Viele denken tatsächlich, es gäbe „die eine“ internationale Gebärdensprache – aber so ist es nicht. Jede Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und Kultur. Natürlich gibt es einzelne Zeichen oder Gesten, die man intuitiv versteht. Zum Beispiel „Trinken“, „Schlafen“, usw. Aber grundsätzlich lernt man Gebärdensprachen ähnlich wie gesprochene Fremdsprachen neu.

Letztens hast du für Lars Meier auf der Bühne eine Preisverleihung gedolmetscht. wie fühlt sich das an und was ist die größte Herausforderung?
Das ist immer eine besondere Situation, weil man gleichzeitig sehr präsent und doch nicht im Mittelpunkt sein möchte. Es geht darum, Inhalte und Stimmung möglichst authentisch zu transportieren, damit wirklich alle Menschen Teil des Moments sein können. Die größte Herausforderung ist oft die Spontaneität. Auf Bühnen passieren ständig unvorhersehbare Dinge – Menschen sprechen frei, Emotionen entstehen im Moment, manchmal wird improvisiert. Da muss man sehr schnell reagieren und gleichzeitig konzentriert bleiben.
Ich begleite inzwischen immer häufiger Veranstaltungen oder Bühnenformate und ich mag diese Mischung aus Sprache, Performance und Begegnung sehr. Auch als Schauspielerin am Ohnsorg Theater darf ich inzwischen immer öfter Projekte für Gehörlose und blinde Menschen realisieren. Ich bin dort inzwischen Beauftragte für Barrierefreiheit und wir bieten Vorstellungen mit Gebärdensprache und auch mit Audiodeskription an.

Klasse, dazu passt, dass du ja auch im Dialoghaus Hamburg arbeitest. Beschreibe es doch bitte kurz und was ist deine Aufgabe dort?
Das Dialoghaus Hamburg ist ein Ort, an dem Menschen Perspektiven wechseln können. Viele kennen die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“. Im 2. Stock befindet sich die Ausstellung „Dialog im Stillen“. Die Besucher*innen bekommen schalldichte Kopfhörer und tauchen dadurch in eine Welt völliger Stille ein. Gesprochen wird während der Tour nicht. Stattdessen lernt man, sich über Mimik, Gestik, Körpersprache und erste Gebärden zu verständigen.
Begleitet wird die Gruppe von gehörlosen Guides, die durch verschiedene Erlebnisstationen führen. Das Spannende daran ist, dass man relativ schnell merkt, wie viel Kommunikation auch ohne Worte möglich ist und das auf eine sehr spielerische Art und Weise. Viele Besucher*innen erzählen hinterher, dass sie plötzlich viel bewusster auf Blickkontakt, Gesichtsausdruck oder kleine Gesten achten. Es geht also weniger darum, „wie Gehörlose leben“ zu erklären, sondern sich zu begegnen, Barrieren abzubauen und mal die Perspektive zu wechseln.
Am Ende der Tour gibt es noch einen gemeinsamen Austausch, bei dem Fragen gestellt werden können. Da komme ich ins Spiel und übersetze im so genannten Dialograum zwischen Laut- und Gebärdensprache, damit wirklich ein Gespräch auf Augenhöhe entstehen kann.

Das Dialoghaus, und damit auch du, agieren in einem inklusiven Bereich. Inklusion spielt sich meist unter dem Radar ab. Was würdest du von der Gesellschaft wünschen, dass sich das ändert? 
Dass Inklusion selbstverständlicher wird und nicht erst dann Thema ist, wenn jemand direkt betroffen ist. Oft helfen schon Aufmerksamkeit, Offenheit und die Bereitschaft, Menschen wirklich mitzudenken.
Und ich glaube, es geht weniger darum, „alles perfekt“ zu machen, sondern eher darum, Berührungsängste abzubauen. Begegnung verändert oft mehr als große Worte.

Und was von der Politik?
Ich finde, Barrierefreiheit sollte nicht als Zusatz verstanden werden, sondern als selbstverständlicher Teil von Kultur, Bildung und öffentlichem Leben. Gerade im kulturellen Bereich gibt es noch viele Möglichkeiten, Menschen stärker einzubeziehen – sowohl auf der Bühne als auch im Publikum.

Hat das Erlernen und Nutzen der Gebärdensprache, deinen Blick auf die Welt und die Gesellschaft verändert?
Total. Gebärdensprache hat meinen Blick auf Kommunikation komplett erweitert. Ich nehme Menschen heute bewusster wahr und merke viel stärker, wie viel wir eigentlich nonverbal ausdrücken. Außerdem hat sie mir gezeigt, wie unterschiedlich Menschen die Welt erleben – und wie schnell man Dinge für selbstverständlich hält, die für andere eine echte Hürde sein können. Das hat mich sensibler gemacht.
Und persönlich empfinde ich Gebärdensprache oft als sehr direkt und emotional. Sie hat etwas unglaublich Lebendiges und Poetisches.

Nutzt du die Sprache auch mal „privat“, hast du gehörlose Freund*innen?
Na klar. Ich nutze Gebärdensprache beruflich, aber auch privat spielt sie inzwischen eine Rolle in meinem Alltag. Ich habe durch die Arbeit viele tolle Menschen kennengelernt und einige sind inzwischen meine Freunde.
Das Schöne ist: Sobald man beginnt, die Sprache wirklich zu nutzen, öffnet sich automatisch auch eine neue Welt.

Kannst du etwas aus der Gebärdensprache für deine beiden anderen Leidenschaften Gesang und Schauspiel nutzen, davon profitieren?
Auf jeden Fall. Gerade für das Schauspiel ist Gebärdensprache unglaublich spannend, weil sie den ganzen Körper einbezieht. Man lernt viel über Präsenz, Rhythmus, Timing und Ausdruck. Und auch musikalisch hat sie meinen Blick verändert. Musik besteht ja nicht nur aus Klang, sondern auch aus Emotion, Bewegung und Atmosphäre. Ich finde es faszinierend, wie Musik durch Gebärdensprache visuell erlebbar werden kann. Es gibt immer mal wieder Gebärdensprach-Performer, die das auf der machen und Songtexte poetisch übersetzen. Das ist wunderschön. Letztlich erzählt man doch immer eine Geschichte, nur auf unterschiedliche Weise.

Mehr Infos: www.caroline-kiesewetter.de und www.dialog-in-hamburg.de

Alle Fotos: © Dialoghaus Hamburg