Dr. Meike Streker, Kosmetikwissenschaftlerin und Expertin für Hautgesundheit, erforscht seit Jahren, wie zielgerichtete Pflege die Haut optimal unterstützt. In ihrem Buch „Feel Your Skin“ teilt sie, gemeinsam mit Petra Orzech, ihr Wissen – und gibt praktische Tipps für einen natürlichen Glow.
Meike, ihr schreibt „Die Haut ist der Spiegel der Seele“ sei neurobiologisch belegbar. Was verrät unsere Haut heute über unseren modernen Lebensstil?
Redewendungen wie diese oder wie etwa „Das geht unter die Haut“ sind heute tatsächlich neurobiologisch erklärbar. Unsere Haut macht sichtbar, was in uns vorgeht, oft bevor wir es selbst richtig wahrnehmen oder in Worte fassen können. Auch unser Lebensstil zeigt sich häufig direkt auf der Haut, denn sie reagiert auf innere und äußere Einflüsse wie ein emotional-intelligentes System, das permanent mit unserem Nervensystem kommuniziert. Wenn wir beginnen, unsere Haut bewusster wahrzunehmen, erkennen wir deshalb oft mehr als nur einen Hautzustand, sondern auch, wie es uns wirklich geht.
Warum reagiert die Haut so sensibel auf emotionale Belastung?
Unsere Haut ist eng mit dem Nervensystem verbunden und gilt heute als neuroimmunologisches Organ. Emotionaler Stress aktiviert unter anderem die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol sowie entzündungsfördernden Botenstoffen. Dadurch kann die Hautbarriere geschwächt, die Talgproduktion angeregt und Entzündungen begünstigt werden. Genau darin liegt auch ein möglicher Grund dafür, warum die sogenannte Acne tarda, die „Erwachsenenakne“, heute zunehmend auftritt. Studien zeigen, dass insbesondere Frauen betroffen sind. Hormonelle Veränderungen, chronischer Stress, Schlafmangel und ein dauerhaft hoher mentaler Druck scheinen dabei eine entscheidende Rolle zu spielen.
Kann man lernen, die eigene Haut besser zu „lesen“?
Absolut. Viele von uns betrachten unsere Haut nur kosmetisch. Dabei zeigt sie uns oft sehr früh, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Die eigene Haut wieder besser zu „lesen“ bedeutet deshalb vor allem, bewusster hinzuschauen, bzw. hinzufühlen. Wann reagiert meine Haut? Wie verändert sie sich in stressigen Phasen? Was tut ihr wirklich gut? Für mich ist Haut deshalb weit mehr als Oberfläche. Sie ist ein sehr sensibles Kommunikationsorgan.
Euer Ansatz verbindet Neurowissenschaft, Hautpflege und Achtsamkeit. Warum reicht klassische Skincare allein oft nicht mehr aus?
Kosmetik ist heute weit mehr als nur Creme. Natürlich sind Reinigung, Pflege und Sonnenschutz wichtig. Aber für langfristig gesunde Haut reicht klassische Skincare allein oft tatsächlich nicht mehr aus. Denn gerade chronischer Stress, unter dem viele Menschen leiden, kann Entzündungen fördern, die Hautbarriere schwächen und die Regeneration damit beeinträchtigen. Moderne Hautpflege sollte deshalb den Menschen ganzheitlicher betrachten und nicht nur die Hautoberfläche.
„Wie du deine Haut berührst, beeinflusst, wie du dich fühlst.“ Hat Beauty für dich deshalb auch eine emotionale Dimension?
Ja, absolut. Die Forschung zeigt sogar, dass Routinen wie bewusste Berührungen, Massagen oder kleine Achtsamkeitsrituale sich positiv auf die Haut auswirken können. Berührungen, Düfte oder Texturen wirken nämlich nicht nur auf die Hautoberfläche, sondern auch auf unser Nervensystem. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte, dass bereits eine tägliche Selbstmassage sichtbare Stresszeichen der Haut verbessern und gleichzeitig das emotionale Wohlbefinden steigern kann. Wie wir unsere Haut berühren, sagt deshalb auch etwas darüber aus, wie wir mit uns selbst umgehen. Genau deshalb sehe ich Hautpflege heute nicht nur funktionell, sondern auch als eine Form moderner Selbstfürsorge.
Brauchen wir also weniger Beauty – und mehr Bewusstsein?
Ich glaube, wir brauchen vor allem einen bewussteren Umgang mit Beauty. Viele Menschen versuchen heute, Stress, Schlafmangel oder Überforderung mit immer mehr Produkten zu kompensieren. Doch Hautgesundheit entsteht nicht allein durch eine überfüllte Pflegeroutine. Zu viele Produkte können die Haut sogar zusätzlich stressen, die Hautbarriere reizen und das Gefühl verstärken, ständig noch mehr optimieren zu müssen. Genau dieser permanente Selbstoptimierungsdruck ist aus meiner Sicht ein großes Thema unserer Zeit. Oft braucht Haut weniger Reize, aber mehr Verständnis für ihre tatsächlichen Bedürfnisse. Gute Hautpflege bedeutet deshalb nicht automatisch „mehr“.
Gibt es denn so etwas wie eine „Anti-Stress-Routine“ für die Haut?
Ja, durchaus. Eine Anti-Stress-Routine für die Haut bedeutet vor allem, Reize zu reduzieren und die Hautbarriere zu stärken, mit milder Pflege, Feuchtigkeit und täglichem Sonnenschutz statt ständig neuer Trends. Auch Schlaf, Bewegung und bewusste Ruhephasen spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig kann die permanente Flut an Empfehlungen in sozialen Medien zusätzlichen Stress erzeugen. Für die Haut ist deshalb oft weniger Reiz die Strategie.
Was bedeutet es für dich mittlerweile, echten „Glow“ zu haben?
Echter Glow ist mehr als ein kosmetischer Effekt. Er gilt heute als sichtbarer Ausdruck von Gesundheit, Energie und emotionalem Wohlbefinden. Wie eng Haut und Nervensystem verbunden sind, zeigt sich im Alltag sofort: Wir erröten bei Aufregung, bekommen Gänsehaut oder reagieren auf Stress mit Hautunreinheiten. Für mich kommt echter Glow daher eher von innen, als nur von außen.
Gibt es eine tägliche Gewohnheit, die jede Frau sofort verändern könnte, um ihrer Haut etwas Gutes zu tun?
Ja. Eine der einfachsten Veränderungen ist tatsächlich, die Hautpflege bewusster aufzutragen. Das Serum nicht einfach hektisch ins Gesicht „klatschen“, sondern mit ruhigen Bewegungen auftragen und sich dabei einen kurzen Moment Zeit für sich selbst nehmen. Auch die abendliche Reinigung ist mehr als nur Abschminken. Sie kann zu einem kleinen Ritual werden, um den Tag, Stress und äußere Belastungen bewusst „abzuwaschen“.
Und hast du ein persönliches, selbstfürsorgendes Morgenritual?
Wenn ich mir morgens wirklich etwas Gutes tun möchte, halte ich es bewusst simpel. Ich wasche mein Gesicht mit lauwarmem Wasser und mache eine kleine Gesichtsmassage, gerade mit Blick auf die Lymphe und Schwellungen in meinem Alter. Danach nutze ich gerne kühlende Augenpads. Parallel trinke ich ein Glas lauwarmes Wasser und nehme mir einen kurzen Moment für mein Dankbarkeitstagebuch. Anschließend kommen Feuchtigkeitscreme und Sonnenschutz. Fertig. Für mich bedeutet Hautgesundheit am Morgen nicht Perfektion, sondern Ruhe, Regelmäßigkeit und möglichst wenig Stress.
Was hoffst du, das eure Leser*innen aus eurem Buch mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass sie nach „Feel your Skin“ wieder mehr auf die Bedürfnisse ihrer eigenen Haut hören. Jede Haut ist so individuell wie wir selbst und genau deshalb passen die Empfehlungen der besten Freundin oder aus sozialen Medien oft gar nicht zum eigenen Hautzustand. Ich hoffe, dass das Buch dabei hilft, die Haut nicht ständig optimieren zu wollen, sondern sie besser zu verstehen. Weniger Druck. Mehr Bewusstsein. Und ein liebevollerer Umgang mit sich selbst und der eigenen Haut.
Interview: Hanna Odenwald

Feel your Skin – In 28 Tagen zu deinem natürlichen Glow, Petra Orzech und
Dr. Meike Streker, GU Verlag, 240 S., 28 €
Instagram: @meikestreker
Bild: © Lotta Laabs


