Mit ShInnovates hat Unternehmerin Leonie Malinowski eine Bewegung für neues Unternehmertum, weibliche Führung und gesellschaftlichen Wandel gegründet. Ein Talk über kollektives Empowerment und innere Freiheit.
Du sprichst von Selbstermächtigung nicht als Konzept, sondern als gelebte Haltung. Wann begann deine eigene bewusste Reise dorthin?
Leonie Malinowski: Obwohl ich Einserschülerin, Leistungssportlerin und überall beliebt war, rutschte ich mit 14 Jahren in eine schwere Bulimie. Damals begann ich, mich insbesondere mit dem Retter-Täter-Opfer-Dreieck und unbewussten Loyalitätsbeziehungen sowie ihren Auswirkungen zu befassen. So kam ich zu dem Schluss, dass selbstbewusste Selbstermächtigung und der Frieden mit Erlebnissen, Menschen und sich selbst der Schlüssel zu einem erfüllten Leben sind.
Mitten im Studium wurdest du Mutter und hast dich entschieden, deinen eigenen Weg konsequent weiterzugehen. Was hat dieser Moment in deinem Blick auf Freiheit verändert?
Es hat mir gezeigt, dass keine Hürde dieser Welt mich aufhalten kann. Damals zerplatzten alle meine Lebenspläne, mein gesamtes Selbstbild als Karrierefrau wurde zerstört, ich erhielt Drohungen und starke Widerstände. Aber dann wusste ich plötzlich: das hier ist meine wichtigste Verantwortung und alles weitere wird sich fügen. Und so kam es dann auch.
Wie verändert Mutterschaft den eigenen Begriff von Stärke?
Ich habe zwei Kinder per Hausgeburt zur Welt gebracht, eines im Geburtshaus und eines war eine Fehlgeburt. Ich musste mich immer wieder gegen Ärzte, Familie und gesellschaftliche Ansichten durchsetzen und meiner Intuition folgen, um den besten Weg für meine Kinder zu gehen. Die Stärke als Mutter ist still, oft unsichtbar. Sie besteht darin, dass wir eine Insel des Friedens und der Selbstentfaltung kreieren und dafür über uns selbst hinauswachsen müssen, um sie selbstbewusst zu schützen und unsere Ängste, Traumata und Probleme nicht zu ihren zu machen. Die allergrößte Stärke dabei ist, bedingungslos der größten Erfüllung eines Menschen zu dienen und darin seine eigene Erfüllung zu erkennen. Es ist also die tiefste Selbstlosigkeit, die aber die größte egoistische Freude kreiert, weil wir begreifen, dass wir durch die Freude des anderen selbst am allermeisten Glück erfahren.
Viele Frauen erleben den Druck, sich zwischen Sanftheit und Durchsetzung entscheiden zu müssen. Warum hältst du diese Trennung für überholt?
Sanftheit wurde noch nie in ihrer wahren Macht anerkannt. Wir verbinden sie mit Schwäche oder Betteln, dabei ist sie der Weg, wie man Herzen erreicht und Beziehungen schafft, durch die sich Wege öffnen, die mit Härte verschlossen blieben. Durchsetzung ist für mich der Moment der Klarheit für einen Wunsch: ich muss für mich einstehen. Es reicht nicht, zu sagen: „Bitte, darf ich auch mal am Tisch sitzen?“ Sanft und durchsetzungsstark ist: „Ich gründe meinen eigenen Tisch. Kommt doch mit! Hier ist es lustig.“
Und was bedeutet Erfolg für dich mittlerweile?
Mich selbst aus meinen Befangenheiten, Zweifeln, Ängsten und Vorurteilen zu befreien und dabei gleichzeitig für alle den Weg zu innerer und äußerer Freiheit und Verbindung mit sich selbst und anderen zu ebnen.
Wenn du von „weiblichem Unternehmertum“ sprichst – geht es dir dabei um Geschlecht oder um ein neues Bewusstsein von genereller Führung?
Weibliches Unternehmertum hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, aber es orientiert sich an der Führungsweise einer starken Mutter, die ihr Kind selbstlos über alle Hürden hinweg in die Selbstständigkeit führt. Eine Mutter käme niemals auf die Idee, ihr Kind fallen zu lassen, wenn es nicht „performt“, oder andere zurückzulassen, die zu langsam für das Tempo der Gruppe sind. Sie hat alle im Blick und geht manchmal auch vermeintlich harte Wege, die nötig sind, um alle in die Selbstermächtigung zu schubsen.
Du sagst: „Frauen mit Geld verändern die Welt.“ Was verändert sich, wenn mehr Frauen wirtschaftliche Verantwortung übernehmen?
Egal ob Frau oder Mann: es geht darum, eine langfristig stabile Gesellschaft zu kreieren, in der wir die Schere zwischen Arm & Reich, Bildungsnah & Bildungsfern, Privilegiert & Benachteiligt schließen, jeden Menschen mitnehmen und am Wirtschafts- und Gesellschaftsleben teilhaben lassen. Rein ökonomisch gesprochen: wir können es uns nicht erlauben, die Ressource Mensch wie Dreck zu behandeln. Und wenn wir Frauen Frauen sein lassen, also mitfühlende, sich um jeden sorgende Menschen, dann führt mehr Geld in ihren Händen zu mehr Verteilung und Gleichberechtigung. Ich mag Wege, die die Natur des Menschen nutzen, statt ihn erst verbiegen zu müssen, um ein Ziel zu erreichen.
Ist diese Sehnsucht nach einer anderen Art des Miteinanders der Grund, weshalb du das Netzwerk ShInnovates gegründet hast?
Ich stamme aus einer Jahrhunderte alten Unternehmer-Akademiker-Familie, die absolut nicht perfekt ist, aber doch ein paar Dinge gut gemacht hat: in den entscheidenden Momenten, z.B. als Krieg ausbrach, haben alle einander vertraut, zusammengehalten und füreinander gesorgt. Heute erleben wir ein emotionales Auseinanderbrechen von Familien. Dabei ist die Kern-Sehnsucht des Menschen, sich geborgen zu fühlen. Einander diese neue Form der loyalen, unterstützenden Familie zu sein, ist nicht nur das Erfüllen einer Sehnsucht – es ist der einzige Weg, wie wir eine Destabilisierung unserer Gesellschaft verhindern – ansonsten nehmen extremistische Gruppen diesen Raum ein.

Viele bestehende Systeme geraten derzeit ins Wanken – wirtschaftlich, gesellschaftlich, emotional. Welche Art von Führung oder gesellschaftlicher Dynamik braucht diese Zeit also genau?
Ich bin in den letzten Monaten sehr angeeckt, weil ich meine sonst sehr hochdeutsche Akademiker-Sprache öffentlich zu mehr Umgangssprache und manch einem Fäkalbegriff gewandelt habe. Manche Unternehmen haben sich daraufhin von mir distanziert. Ich tat dies aber aus einem für mich sehr wichtigen Grund: ich sehe, dass wir derzeit eine extreme Spaltung von hochtrabendem Politikjargon und „normalen Menschen“ haben, die rein gar nichts mit diesem Gerede anfangen können. Gleichzeitig steigt ihre Unzufriedenheit und das Gefühl von Ungerechtigkeit immer mehr, auch weil sie viel weniger Anschluss an den Umgang mit neuen Technologien haben, wodurch wir die uns mittlerweile bekannte Radikalisierung erleben. Die Führung, die diese Zeit jetzt braucht, ist eine Führung, die alle Menschen eint und abholt. Das klingt natürlich erstmal utopisch. Aber wenn wir weiter zulassen, dass sich Menschen unverstanden und abgehängt fühlen, legen wir uns selbst lahm, statt unsere gesellschaftlichen Kräfte für die Visionen zu nutzen, die wir alle doch in Wahrheit erreichen wollen.
Du sprichst von „servant Leadership“. Wie verändert sich Zusammenarbeit, wenn Menschen nicht aus Kontrolle, sondern aus Verantwortung heraus führen?
Ehrlich gesagt, verfluche ich servant Leadership jeden Tag. Die Wahrheit ist, dieser Weg ist der emotional brutalste überhaupt, weil du so sehr mit dem Herzen an allem und jedem hängst, dass jeder Struggle unfassbar wehtut. Stell dir vor, du würdest jedes Teammitglied und jede Vision wie dein eigenes Kind empfinden – wenn dann Konflikte oder Scheitern auftreten, trifft es dich mitten ins Herz. Ich kann verstehen, dass das vielen zu viel ist. Emotionale Distanz ist viel leichter, dann kannst du einfach Menschen entlassen oder enttäuschen und machst dir keine Gedanken über ihr Schicksal. Servant Leadership zeigt jedoch seine unübertroffene Stärke in Krisenzeiten: es ist der einzige Weg, der zu echtem familiären Zusammenhalt führt und deshalb Wege durch die Krise kreiert, die keine kontrollgetriebene Führung schafft. Es fordert aber ein Level an Toleranz und Eigenverantwortung von uns, das meist weder zu Hause noch in der Schule gelehrt wurde und daher radikales Training parallel zur eigentlichen Arbeit braucht.
Mit dem Hidden Heide Resort schaffst du einen Ort für „servant Business & Leadership“.
Genau. Denn wir brauchen eine Mischung aus spielerischer Freiheit, größenwahnsinnigem kreativen Denken und Verbindung zu sich selbst und zur Natur. Die Kombination aus Co-Kreation und Kontemplation. Warme Herzlichkeit vor Ort. Mit den Händen erleben, einfach machen, ausprobieren, wild sein – und dann in der Ruhe alles wirken lassen, beobachten, sich selbst fühlen und die Essenz daraus tatsächlich in großem Maßstab umsetzen.
Was wünschst du dir für die nächste Unternehmerinnen-Generation?
Dass sie sich erlauben, wirklich groß zu denken und dabei Impact getrieben bleiben. Geld ist etwas Wundervolles. Aber es ist nicht das Ziel. Allzu schnell wird es unternehmerisch aber zum Ziel und dadurch bleibt irgendwann auf der Strecke, worum es wirklich ging. Ein Unternehmen ist die Heimat der Potenzialentfaltung von Menschen und zukunftsweisenden Innovationen, aber wenn wir aus Angst vor Gewinneinbrüchen nicht mehr ausprobieren und mutig sind, verliert es seine Sinnhaftigkeit. Unter anderem deshalb möchte ich mit meiner Arbeit eine Welt mitgestalten, die den gesunden, glücklichen, verbundenen Menschen im Mittelpunkt sieht – und nicht sein Leid zum Profit macht.
Und welche Welt möchtest du mit deiner Arbeit mitgestalten?
Eine Welt, die den gesunden, glücklichen, verbundenen Menschen im Mittelpunkt sieht – und nicht sein Leid zum Profit macht.
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Bilder: © Mareike Klindworth / www.mareikeklindworth.de


