Ein Krimi gegen das Vergessen

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Die in Poppenbüttel aufgewachsene Autorin Turid Müller hat sich in ihrem aktuellen Kriminalroman „Unter dem Strand“ erneut einer historischen Tragödie gewidmet. Am 12. Juni liest sie daraus im Forum Alstertal.

Hamburg Woman: Mit „Unter dem Strand“ verweben Sie erneut historische Ereignisse mit einem fiktiven Kriminalfall – diesmal bildet die Tragödie der Cap Arcona den zentralen Punkt der Handlung. Woher kam Ihr Wunsch, diese Geschehnisse in einem Roman zu thematisieren?
Turid Müller: Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Als Hamburgerin ist ja die Lübecker Bucht „mein Meer“. Eines Tages machte ich dort auf der Suche nach einem neuen Stoff einen Strandspaziergang. Wer die Bucht kennt, weiß, die Gedenksteine zur Katastrophe sind dort allgegenwärtig. Ich spürte: Diese Geschichte – vielen unbekannt und doch mit großer Wirkung bis ins Hier und Heute – will erzählt werden.
Ausschlaggebend dafür, mich dieser Herausforderung zu stellen, war für mich auch, eine Episode, die meine Großmutter im Krieg erlebt hat: Sie wohnte in Bergedorf. Eines Tages sah sie einen Zug mit ausgemergelten Gestalten. Und da endet die Erzählung schon, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Da, wo es interessant wird: Wie hat meine Oma das empfunden? War ihr klar, dass sie Häftlinge aus Neuengamme gesehen hat? Was hat sie dann gemacht? Oder nicht zu tun gewagt? Oft sind die Leerstellen besonders beredt. Und für mich auch ein Hinweis auf die eigene Verantwortung. Gerade in dieser Zeit, in der wir wieder hingucken müssen, will ich nicht wegsehen. Sondern meinen Beitrag leisten.

Wie finden Sie die richtige Balance zwischen der sensiblen Darstellung einer realen Tragödie und der Spannung einer fiktiven Krimihandlung?
Mir war klar: Wenn es gelingen soll, den schrecklichen historischen Ereignissen gerecht zu werden, dann muss ich sehr gründlich recherchieren. Allerdings war mein Anspruch ja, dass es lesbar ist, berührt, und auf unterhaltsame Weise zum Denken anregt. Damit das klappen kann, habe ich zwei Hauptfiguren entwickelt, die uns durch die Gegenwarts- und die Vergangenheits-Handlung führen, ohne sich in fünfhundert Seiten Betroffenheit zu ergehen. Cay hat genug eigene Abgründe, um durch ihre Augen in die Abgründe unserer Gesellschaft zu schauen – inklusive mehr oder minder gelingender Vergangenheitsbewältigung. Und Léons Sicht auf das KZ ist geprägt von jenem ironisch-sarkastischen Ton, den ich in vielen Betroffenenberichten entdeckte, und dessen humorvolle Distanzierung vermutlich eine Quelle der Überlebenskraft war. Außerdem habe ich den Krimi und die Historie so verzahnt, dass das letzte Puzzleteil erst im letzten Moment an seinen Platz fällt. Dadurch gibt es einen Spannungsbogen, der bis zum Ende andauert, und der die historische Tragödie mit der erfundenen Kriminalgeschichte verbindet.

Sie haben extra das Krimi-Format gewählt, da viele Menschen vielleicht eher einen Krimi als ein Geschichtsbuch in die Hand nehmen. Schon in Ihrem vorherigen Roman haben Sie so auf die Kinderverschickung aufmerksam gemacht. Was macht Krimis für Sie so geeignet, um solche Themen zu vermitteln? Wie war das Feedback diesbezüglich bei „Im Schatten der Insel”?
Krimis sind ein niederschwelliger Zugang; sie können mehr Menschen erreichen. Sie nehmen uns mit in eine andere Welt, die wir uns lesend erschließen können. Und sie erlauben das ganze Spektrum der Gefühle. Das Feedback ist sehr positiv. Es scheint vielen Lesenden ähnlich zu gehen wie mir: Unterhaltung darf Tiefgang haben. Auch im Strandkorb möchten Herz und Hirn was zu tun bekommen. Bei Lesungen von „Im Schatten der Insel“ kann ich erleben, wie wohl es ehemaligen Verschickungskindern und pflegenden Angehörigen tut, sich und die eigenen Erlebnisse wiederzuerkennen, und darüber ins Gespräch zu kommen. Besonders berührt hat mich, dass ich mit meiner Lesung zu einer Verschickungskinderkonferenz eingeladen wurde. Auch für das neue Buch kann ich schon sagen: Zuweilen schlagen mir zwar zunächst Zweifel entgegen, ob man ein derart heikles Thema in dieses Genre kleiden kann. Doch sprechen die Reaktionen, zum Beispiel auch das große Interesse an Lesungen, für sich.

Sie haben „so viel recherchiert, wie nie zuvor” und mit vielen Menschen gesprochen, um der Geschichte gerecht zu werden. Gab es für Sie eine Begegnung, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Mehrere. Prägend für mein Buch war unter anderem das Gespräch mit dem Nachfahren eines Überlebenden. Als ich ihn fragte, was ihm wichtig sei, sagte er, dass die NS-Opfer mehr als nur Opfer gewesen seien. Das ginge in unserer Geschichtsvermittlung oft unter. Es waren Menschen. Mit einem Leben. Und viele von ihnen waren im Widerstand. Es sei ihm ein Anliegen, dass das bekannter wird, da wir Vorbilder brauchen. Gerade jetzt. Fürs Leben nehme ich mit, die Sprachbarriere aus Fettnäpfchen und Schuld erlebt zu haben. Das ist, wogegen ich anzuschreiben versuche. Auch bei mir selbst.

Im Buch wird vom „Massaker von Neustadt” gesprochen und dass die Hauptfigur Cay im Unterricht damals überhaupt nicht davon erfahren hat. Wo sehen Sie Defizite im Umgang mit solchen Ereignissen – und was müsste sich aus Ihrer Sicht im Bildungssystem oder in der Gesellschaft ändern?
Die Frage wird bei fast jeder Lesung diskutiert, auf der im Anschluss eine Podiumsdiskussion stattfindet. Ich wünschte, ich könnte darauf eine einfache Antwort geben. Ich versuche mich mal an ein paar Ideen: Es ist wichtig, in den Schulen auch und gerade über die Ereignisse zu berichten, die vor der eigenen Haustür passiert sind. Es kann nicht angehen, dass jemand, der in der Nähe der Lübecker Bucht aufgewachsen ist, nie von der Cap-Arcona-Katastrophe oder vom Massaker von Neustadt gehört hat. Diesbezüglich tut sich glücklicherweise schon ganz viel. Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass Gedenkarbeit oft in den Händen der älteren Generationen liegt, und dass es schwerfällt, Menschen in der Lebensmitte dafür zu gewinnen – geschweige denn noch jüngere. Ich glaube, gerade da braucht es frische Ansätze, die diese Gruppen noch gezielter abholen. Das neue Cap Arcona Dokumentationszentrum im Neustadt in Holstein beispielsweise ist sehr darum bemüht, bei der Konzeption unterschiedlichste Gruppen im Blick zu haben. Erinnerungskultur braucht neue, zeitgemäße Formen, die viele verschiedene Menschen erreichen – auch weil es immer weniger Zeitzeug*innen gibt. Gesellschaftlich brauchen wir einerseits mehr Ambiguitätstoleranz, und gleichzeitig eine Klare Grenze, wo das Ende der Toleranz von Intoleranz erreicht wird. Das setzt auch Selbstreflexion und eine Herzensbildung voraus. Demokratie zu schützen ist ja nicht nur eine Frage von Erinnerungskultur. Dieses Vorhaben steht und fällt auch damit, unserer eigenen seelischen Pluralität gegenüber offen zu sein, und die innere Ambivalenz zu politischen Fragen willkommen zu heißen. In der zunehmenden Polarisierung des politischen Diskurses ist für mich tagtäglich erlebbar, was ich von Friedemann Schulz von Thun gelernt habe: Wenn ich keine meiner Facetten verdrängen muss, laufe ich weniger Gefahr, diese Züge im Gegenüber abzulehnen und zu verfolgen. Die Kommunikationspsychologin in mir weiß, dass diese Haltung mit dem Blick nach innen beginnt. Das gehört für mich auf den Lehrplan.

Inwiefern haben Sie bei Ihrer Recherche gemerkt, wie stark die Folgen dieser Katastrophe bis heute nachwirken?
Viele in der Bucht sind mit beiden kollektiven Traumata aufgewachsen. Für das Massaker von Neustadt ist übrigens bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen worden. Und noch immer gibt es Menschen, die nicht darüber sprechen wollen.

„Unter dem Strand“ ist der Auftakt einer ganzen Buchreihe – können Sie schon verraten, ob es weiter um die Cap Arcona gehen wird? Gibt es noch ein anderes historisches Thema, mit dem Sie sich auf jeden Fall innerhalb eines Romans auseinandersetzen wollen?
Verraten kann ich schon, dass es in jedem Band um den aktuellen Rechtsruck gehen wird – jeweils vor dem Hintergrund historischer Ereignisse mit Bedeutung fürs Hier und Jetzt. Die Lübecker Bucht steckt voller Geschichte – und voller Geschichten. lm

Mehr Infos unter www.turid-mueller.de

Unter dem Strand, Turid Müller, 528 S., Taschenbuch, 14€, Piper Verlag

Termintipp
Lesung, 12. Juni, Forum Alstertal, Beginn: 18 Uhr. Eintritt: 16 €
Mehr unter www.forum-alstertal.de

Aufmacherbild: © Torge Niemann