Am 23. und 24. Mai entsteht im Cruise Center Baakenhöft mit dem „DOCK – Tage ohne Sorgen“ zum siebten Mal ein Ort, der Hilfe für wohnungslose Menschen bietet, die kostenfrei ist und niedrigschwellig zugänglich. Ein Ort, der Angebote bündelt, die im Alltag oft über viele Anlaufstellen verteilt sind. Wir sprachen mit der Initiatorin Magdalena Blüchert von der Karin und Walter Blüchert Gedächtnisstiftung.
2018 hat die Karin und Walter Blüchert Gedächtnisstiftung die Veranstaltung „Dock – Ein Tag ohne Sorgen“ ins Leben gerufen. Was war der Auslöser für diesen Schritt?
Die Stiftung wurde 2016 von meinen Großeltern gegründet – mit dem klaren Auftrag, dort zu helfen, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Direkt, ohne große Umwege. Wohnungslosigkeit war von Beginn an eines unserer zentralen Themen. Was mich und uns damals angetrieben hat, war die Erkenntnis, dass es in Hamburg zwar viele gute Angebote gibt – aber sie über die ganze Stadt verteilt sind, oft schwer erreichbar, und für Menschen ohne feste Struktur im Alltag kaum nutzbar. Die Idee war: Was wäre, wenn wir das alles an einem Ort zusammenbringen? Niedrigschwellig, kostenlos, ohne Bedingungen. Aus dieser Frage ist das DOCK entstanden.
Das DOCK war zugleich das erste große Projekt der Stiftung. Für mich war dabei schnell klar, dass ich den Gedanken weiterführen möchte, den schon meine Großeltern in den 1970er-Jahren gelebt haben: Sie mieteten damals das Operettenhaus und luden Menschen ein, die von Einsamkeit, Armut oder Obdachlosigkeit betroffen waren, um ihnen einen unbeschwerten Abend zu ermöglichen – mit Essen, Friseur, neuer Winterkleidung und kulturellem Programm. Künstler wie Rudolf Schock standen dafür auf der Bühne.
Diesen Gedanken wollte ich in die Stiftung übertragen, aber stärker auf die konkrete Grundversorgung fokussieren. Also auf Hilfe, die unmittelbar gebraucht wird – ergänzt um kulturelle Angebote und Momente, die den Menschen Würde, Aufmerksamkeit und ein Stück Leichtigkeit schenken.
An wen richtet es sich und wie sehen die Angebote aus?
Das DOCK richtet sich an wohnungslose und armutsbetroffene Menschen – also an alle, die ihren Tag mit Sorgen beginnen müssen, die keinen festen Platz haben oder deren Alltag von Mangel geprägt ist. Die Angebote sind bewusst breit aufgestellt: medizinische und zahnmedizinische Versorgung, Duschen, Friseur, Kleidung, Hygieneartikel, Essensausgabe mit mehreren tausend Mahlzeiten. Dazu Sozialberatung, Sucht- und Schuldnerberatung sowie psychologische Unterstützung. Es gibt Ruhebereiche, Sport- und Kreativangebote. Kurzum: alles, was im Alltag fehlt, kommt für zwei Tage an einem Ort zusammen. Das Prinzip ist eigentlich simpel – und genau darin liegt seine Stärke.
Wie waren anfangs die Reaktionen der Stadt bei Anmeldung des Vorhabens?
Die Stadt hat sich sehr über die Wiederaufnahme unseres Angebots gefreut, weil wir in diesem Bereich seit vielen Jahren ein verlässlicher Partner sind. Umso wichtiger ist es für uns, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und Menschen in der Stadt konkret zu unterstützen. Dabei geht es sowohl um direkte Hilfe im Alltag als auch darum, gemeinsam mit unserem Netzwerk langfristig Lösungen zu entwickeln – im Kleinen wie im Großen.
Was hat sich seit der ersten Veranstaltung verändert? Wie wird sie inzwischen von der Stadt wahrgenommen?
Die Entwicklung spricht für sich: 2018 kamen rund 2.000 Menschen zu einem einzigen Tag. 2023 waren es bereits 5.000 Gäste an zwei Tagen – insgesamt haben wir über die Jahre mehr als 16.000 Menschen erreicht. Aber es ist nicht nur die Zahl der Gäste, die gewachsen ist. Auch die Zahl der beteiligten Organisationen und Ehrenamtlichen ist deutlich gestiegen. Heute wirken rund 100 bis 150 Ehrenamtliche mit, und zahlreiche Hamburger Organisationen und Initiativen sind Teil des DOCK. Das zeigt, dass die Idee trägt – und dass das Vertrauen in das Format gewachsen ist.
Die Stadt hat uns von Anfang an in vielen Bereichen unterstützt und die Zusammenarbeit sehr offen begleitet. Gleichzeitig konnten wir mit unseren Ansätzen auch neue Impulse setzen und Denkanstöße geben – genau das ist unser Ziel. Gemeinsam mit dem gesamten Netzwerk möchten wir neue Wege der Unterstützung entwickeln, Angebote weiterdenken und vor allem den Austausch sowie die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten stärken.




Und wie reagieren die angesprochenen Obdachlosen auf das Angebot?
Was mich jedes Mal aufs Neue bewegt, ist die Atmosphäre vor Ort. Viele unserer Gäste kommen wieder – das DOCK ist für sie ein Jahreshighlight. Momente, in denen sie sich willkommen fühlen, in denen sie ankommen können, ohne weitergeschickt zu werden. Die Atmosphäre erinnert an ein Straßenfest – offen, lebendig, mit einem seltenen Gefühl von Zugehörigkeit. Berührungsängste gegenüber den Organisationen gibt es durchaus – viele Menschen haben schlechte Erfahrungen mit Behörden oder Hilfssystemen gemacht. Deshalb ist der niedrigschwellige Ansatz so wichtig: keine Anmeldung, keine Bedingungen, keine Weiterleitung. Man kann einfach kommen. Die Mundpropaganda funktioniert in dieser Community erstaunlich gut. Gleichzeitig spüren wir, dass das Vertrauen, das wir uns über viele Jahre aufgebaut haben, eine große Rolle spielt. Viele Gäste werden über unsere Partnerorganisationen oder direkt durch uns auf DOCK aufmerksam. Besonders wichtig ist uns dabei der persönliche Kontakt: Unser Team geht aktiv auf die Menschen zu und lädt sie persönlich ein.
Ich bin ehrlich, von der Aktion DOCK habe ich leider noch nichts gehört. Dabei ist es ein tolles Engagement. Woran könnte es liegen? Vielleicht daran, dass man sich mit Obdachlosigkeit nicht so befasst? Sie hat ja auch oft einen Makel in der Gesellschaft.
Das ist eine ehrliche Frage, die ich gut verstehen kann – und die mich selbst beschäftigt. Wohnungslosigkeit ist ein Thema, das in der öffentlichen Wahrnehmung oft unsichtbar bleibt. Es gibt einen gesellschaftlichen Reflex, wegzuschauen – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil die Konfrontation unangenehm ist. Wohnungslose Menschen werden oft nicht als Teil des öffentlichen Lebens wahrgenommen, sondern als Randerscheinung. Das schlägt sich auch in der Medienberichterstattung nieder: Wohnungslosigkeit taucht vor allem im Winter auf, wenn es dramatisch wird. Dass Menschen im Sommer genauso leiden – nur anders – interessiert kaum jemanden. Das DOCK ist bewusst kein Winterprojekt. Wir wollen genau diese Lücke sichtbar machen. Dass wir 2026 nach zwei Jahren Pause zurückkehren, ist auch eine Chance, das DOCK einem neuen Publikum bekannt zu machen.
Seit 2021 läuft die Veranstaltung über zwei Tage. Blutet einem bei dieser Zahl nicht trotzdem das Herz, wenn man bedenkt, dass es 365 Tage gibt, an denen die meisten Obdachlosen sich selbst überlassen sind?
Ja, ehrlich gesagt: manchmal schon. Zwei Tage im Jahr sind keine Lösung für ein strukturelles Problem. Das wissen wir. Aber ich glaube nicht, dass man deshalb aufhören sollte, das Mögliche zu tun. Das DOCK ist mehr als Versorgung – es ist ein Signal. Es zeigt, was möglich ist, wenn Kräfte gebündelt werden. Es schafft Vernetzung im Hilfesystem, die über diese zwei Tage hinaus wirkt. Erfahrungen aus dem DOCK fließen direkt in die tägliche Arbeit der beteiligten Organisationen ein. Und für die Menschen, die kommen, sind es zwei Tage, die zählen. Tage, an denen sie sich nicht erklären müssen. Das ist kein Tropfen auf den heißen Stein – das ist ein Beweis dafür, dass es geht. Was wir langfristig brauchen, ist politischer Wille: mehr Wohnraum, bessere Strukturen, niedrigschwelligere Regelversorgung. Das DOCK kann das nicht ersetzen. Aber es kann zeigen, wohin die Reise gehen sollte.
Gibt es seitens der Stiftung auch Hilfsaktionen in den Zeiten zwischen den DOCKs?
Ja, definitiv. Die Stiftung ist das ganze Jahr aktiv. Ein zentrales Element ist die Einzelfallhilfe – bis zu 2.000 Kontakte pro Jahr, bei denen wir Menschen direkt und unbürokratisch unterstützen: ideell, strukturell und wenn möglich auch finanziell. Darüber hinaus fördern wir externe Projekte und Organisationen, die Direkthilfe leisten, und realisieren eigene Formate – auch digitale, mit hoher Reichweite. Wohnungslosigkeit ist nur eines unserer Themenfelder; wir arbeiten auch zu Einsamkeit im Alter, Gewalt im Alltag und chronischen Erkrankungen. Jeder dieser Themenbereiche hat ein Highlight-Projekt im Jahr, in dem starke Sichtbarkeit geschaffen wird. Ansonsten sind wir ganzjährig für und mit den Netzwerken in der Zusammenarbeit.
Es ist wie so oft eine private Initiative, die hier mit Ehrenamtlichen hilft. Was wünschen Sie sich an konkreter Hilfe von der Stadt? Und was kann die Gesellschaft tun?
Von der Stadt wünsche ich mir vor allem eines: dass Wohnungslosigkeit als das anerkannt wird, was sie ist – ein strukturelles, kein individuelles Problem. Hamburg hat im Verhältnis zur Bevölkerung die höchste Zahl untergebrachter wohnungsloser Menschen in ganz Deutschland. Das ist kein Naturgesetz, das ist das Ergebnis von Wohnungsmarktversagen und zu langsamen politischen Reaktionen. Konkret brauchen wir mehr bezahlbaren Wohnraum, mehr Regelversorgung, die wirklich erreichbar ist – und mehr Unterstützung für die zivilgesellschaftlichen Strukturen, die die Lücken füllen, die der Staat lässt. Von der Gesellschaft wünsche ich mir Hinsehen statt Wegschauen. Nicht Mitleid, sondern Begegnung auf Augenhöhe. Und wer aktiv werden will: Ehrenamt ist beim DOCK immer willkommen.
Haben Sie das Gefühl, dass sich etwas getan hat in den vergangenen Jahren – positiv wie negativ?
Positiv: Das Bewusstsein für das Thema ist gewachsen. Es gibt mehr Organisationen, mehr Vernetzung, mehr öffentliche Debatten als noch vor zehn Jahren. Das DOCK selbst ist ein Beleg dafür – dass es möglich ist, 100 bis 150 Ehrenamtliche und dutzende Organisationen an einem Wochenende zu mobilisieren, zeigt, dass die Bereitschaft da ist.
Negativ: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland ist weiter gestiegen – bundesweit waren es Ende Januar 2025 fast 475.000 untergebrachte Personen, Tendenz steigend. In Hamburg lebt im Verhältnis zur Bevölkerung so viel wie in keinem anderen Bundesland in öffentlich-rechtlicher Unterbringung. Das Engagement wächst – aber die Not wächst schneller. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir arbeiten. Und das ist der Grund, warum das DOCK 2026 wichtiger ist denn je.
Das ist „DOCK – Tage ohne Sorgen“
Das Prinzip ist bewusst einfach – und genau darin liegt seine Stärke: Was sonst über die Stadt verteilt ist, kommt beim DOCK initiiert von der Karin und Walter Blüchert Gedächtnisstiftung an einem Ort zusammen. Medizinische und zahnmedizinische Versorgung, Duschen, Kleidung, Essen, Sozialberatung sowie Angebote für Tiere greifen ineinander.
Ergänzt wird das Angebot durch Ruhebereiche, kreative Formate und Räume für Begegnung. Rund 100 bis 150 Ehrenamtliche sowie zahlreiche Organisationen und Initiativen wirken zusammen – darunter unter anderem Hanseatic Help und DeinTopf. Gleichzeitig fungiert das DOCK als Schnittstelle im Hilfesystem: Organisationen vernetzen sich, stimmen Angebote ab, machen bestehende Angebote besser zugänglich und leichter auffindbar – und tragen dazu bei, Hilfsstrukturen gezielt weiterzuentwickeln. Mehr Infos zu DOCK gibt es HIER.
Aufmacherfoto: Magdalena Blüchert, Vorständin der Karin und Walter Blüchert Gedächtnisstiftung © privat


