„Schon Kinder können im Notfall helfen!”

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In der Grundschule Bergstedt wollten Schüler und Schülerinnen der zweiten Klasse mehr über Notfallsituationen und Erste-Hilfe lernen. Die Lehrkräfte haben diesen Gedanken direkt aufgegriffen und einen altersgerechten Kurs organisiert – Wiebke Günther, Lehrkraft für Erste Hilfe, hat dieses spannende Projekt geleitet. 

Niemand ist zu klein, um zu helfen – das ist die Botschaft, die Krankenschwester und Erzieherin Wiebke Günther mit ihren Erste-Hilfe-Kursen für Kinder verbreiten möchte. In der Grundschule Bergstedt scheinen ihr die Schülerinnen und Schüler der zweiten Klasse zuzustimmen, denn sie wünschten sich das Thema ausdrücklich im Unterricht. „Die Lehrerin erzählte mir, dass zu Beginn jedes neuen Themas gemeinsam mit den Kindern eine Mind-Map erstellt wird. In dieser Sammlung kam das Thema Erste Hilfe und Notfälle immer wieder vor, sodass die Lehrkräfte der zweiten Klassen den Wunsch der Kinder aufgriffen und einen speziell auf Kinder zugeschnittenen Erste-Hilfe-Kurs organisierten“, erklärt Wiebke Günther, die ihre 25 Jahre Berufserfahrung als Krankenschwester und ihre Arbeit als Lehrkraft für Erste Hilfe optimal in das Projekt einbringen konnte, „Ich gebe regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse in den unterschiedlichsten Einrichtungen und für unterschiedliche Zielgruppen. Gerade die Kurse für Kinder sind für mich eine Herzensangelegenheit.“ 

SO HABEN DIE KURSE ANGEFANGEN
Mit dem Projekt an der Grundschule Bergstedt kam die Volksdorferin über eine bekannte Mutter in Kontakt, deren Kinder dort die zweite Klasse besuchen. Als sie gefragt wurde, ob sie Lust hätte, mit dabei zu sein, zögerte sie nicht lange. So konnte es nach Absprache mit einer engagierten Lehrerin direkt losgehen: „Die zweistündigen Kurse habe ich gehalten und wurde dabei von der jeweiligen Lehrkraft unterstützt, sodass die Schülerinnen und Schüler mit viel Freude und Leidenschaft erste Erfahrungen mit dem Thema Erste Hilfe sammeln konnten.“

DAS LERNEN DIE KINDER
In dem kindgerechten Kurs haben die Zweitklässler und Zweitklässlerinnen gelernt, wie sie im Notfall helfen können und dass sie nur Ruhe, Zugewandtheit und ein paar einfache Handgriffe brauchen, um unter Umständen ein Leben retten zu können. „Sie üben, ruhig zu bleiben, Hilfe zu holen oder die 112 zu wählen. Wichtig ist, dass schon kleine Helferinnen und Helfer hinschauen, statt wegzuschauen. Die Kinder lernen zum Beispiel, dass sie so lange bei ihrem verletzten Freund bleiben, bis Hilfe da ist und dass sie auch auf die eigene Sicherheit achten müssen“, erklärt Wiebke Günther, „Sie erfahren, wie wichtig es ist, die eigene Adresse zu wissen, was die Rettungsleitstelle alles wissen möchte und dass auch eine Portion Mut dazugehört, die 112 zu wählen.“ Mit den Kindern hat sie außerdem erste Grundlagen der Reanimation und den Umgang mit einem AED (Defibrillator) geübt.

Die Krankenschwester und Erzieherin Wiebke Günther hat die Erste-Hilfe-Kurse in der Grundschule Bergstedt geleitet und hofft, dass er kein einmaliges Projekt bleibt. © Detlef Overmann / Diakonie 
Wiebke Günther bringt den Schülerinnen und Schülern bei, wie eine Reanimation funktioniert. © privat

MEHR SELBSTVERTRAUEN
Die Kinder würden mit großer Offenheit an das Thema herangehen. „Während Erwachsene oft zögern, stellen sie unbefangen Fragen, denken lösungsorientiert und probieren mutig aus“, berichtet die erfahrene Krankenschwester, „Die Kinder waren zum Teil selbst überrascht von ihren eigenen Fähigkeiten, als sie zum Beispiel eine erwachsene Person erfolgreich in die stabile Seitenlage bringen konnten oder, obwohl sie zuvor noch nie einen AED benutzt hatten, dessen Handhabung mit nur wenig Unterstützung sicher meisterten.“ 
Solche Erfolgserlebnisse können Kinder zu selbstständigem und aktivem Handeln befähigen und ermutigen, Herausforderungen anzunehmen. „Genau das ist das Ziel in meinen Kursen. Notfallsituationen können für jeden beängstigend wirken, doch es geht darum, Kinder handlungsfähig zu machen. Die Notfallsituationen werden kindgerecht erklärt. Nichts macht mutiger, als zu wissen, wie man Hilfe holt und was in einer Notfallsituation zu tun ist“, beschreibt sie, „Kinder bringen dafür von sich aus so viel Neugier und eigene Ideen mit. Wenn sie von früh an lernen, dass sie etwas bewirken können und Erste Hilfe ein wiederkehrender Unterrichtsinhalt wäre, bauen sie erst gar keine Ängste auf, wie sie viele Erwachsene haben.“

BLICK IN DIE ZUKUNFT
Wenn es nach Wiebke Günther geht, bleibt dieser Kurs kein einmaliges Projekt: „Wäre es nicht wünschenswert, wenn Kinder schon in der Schule lernen würden, was sie körperlich und seelisch gesund hält? Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung sollte meiner Meinung nach einen viel größeren Stellenwert im Schulalltag einnehmen.“
Dafür hält sie Schulgesundheitsfachkräfte für einen Schritt in die richtige Richtung. „In anderen Ländern sind sogenannte „School Nurses“ fest in Bildungssystemen verankert. Diese sind spezialisierte Pflegekräfte, die sich an Grund- und weiterführenden Schulen um Gesundheitsversorgung, Gesundheitsförderung und Prävention kümmern. Sie übernehmen die Akutversorgung bei Unfällen und akuten Erkrankungen während der Schulzeit und auch chronisch kranke Kinder könnten Unterstützung und Begleitung erhalten. Ein weiterer Schritt, um Inklusion voranzubringen“, beschreibt sie, „Und sie könnten eben Angebote wie Erste-Hilfe-Kurse anbieten. Das alles würde Lehrkräfte deutlich entlasten.“

WARUM ERSTE HILFE SO WICHTIG IST
Erste Hilfe ist in Deutschland aktuell kein einheitliches, verpflichtendes Unterrichtsfach. Bei Notfällen zählt aber jede Sekunde, zum Beispiel kann eine schnelle Einleitung der Wiederbelebungsmaßnahmen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand einen großen Unterschied machen – gerade deshalb ist es wichtig, früh anzusetzen. Wiebke Günther sagt: „Schon Kinder können im Notfall helfen, wenn sie wissen, wie. Daher sind Erste-Hilfe-Kurse für Schulen und alle anderen Bildungseinrichtungen meiner Meinung nach umso wichtiger, um die Laienreanimationsquote deutlich zu erhöhen.“ Luca Ellen Mohr

Fragen zu den Erste-Hilfe-Kursen für Kinder gerne an Wiebke Günther per E-Mail: info@lebenretten-hamburg.de

TIPPS FÜR ELTERN
1.  Eltern können an die Fähigkeiten ihrer Kinder glauben und sie darin bestärken.
2. Eltern sollten ein Vorbild sein, anderen Menschen helfen zu wollen und bei Bedarf Hilfe zu holen – hinschauen statt wegschauen.
3. Kinder sollten unbedingt die Notfallnummern kennen und ihre eigene Adresse wissen.

Aufmacherfoto: © AdobeStock