„Musik war immer da“

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Liebe zur Musik – bei der Saxophonistin Asya Fateyeva, die auch an der HfMT in Rotherbaum unterrichtet, ist sie in jedem Satz spürbar. Wir haben mit ihr über ihren Weg zum Saxophon, über den besonderen Status ihres Instruments in der Klassik und über anstehende Konzerte gesprochen – eines ist in der JazzHall an der Alster.

Welche Rolle spielte Musik in deiner Kindheit? 
Asya Fateyeva: Meine Eltern sind keine Musiker*innen, aber sie haben das sehr unterstützt. Als Kind habe ich erlebt, dass mein Vater oft am Klavier saß und für sich spielte, obwohl er keine Noten lesen konnte. So habe ich mitbekommen, dass Musik immer da war – als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Das habe ich mitgenommen, zuerst am Klavier und dann am Saxophon. 

Mit zehn Jahren hast du das Klavier durch das Saxophon eingetauscht. Wie war das für dich?
Die Entscheidung war leicht, weil Saxophon so eindeutig meins war. Alles hat gepasst. Das Gefühl, dass ich den Klang physisch spüren konnte – es wurde sofort laut und leise – hat mich am Saxophon fasziniert. Am Klavier fehlte mir wohl dieses Erlebnis des Klanges. Das konnte ich als Kind nicht verstehen, aber im Nachhinein versuche ich das für mich zu erklären. Das Klavier bleibt aber immer in meinem Leben. 

Wie war es für dich, bereits als Kind im Alltag so Musikorientiert zu sein?
Ich habe das gar nicht als schwierig wahrgenommen. Am Klavier musste man ein bisschen aufpassen, dass ich übe, aber am Saxophon musste man mich überhaupt nicht dazu zwingen. Es hat einfach alles gepasst, deswegen war es für mich die beste Zeitverbringung. Ich habe eher gelitten, als ich mit 14 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam und zu einer normalen Realschule ging und keiner Musikschule. Mit 15 Jahren wurde ich aber glücklicherweise parallel Jungstudentin in Köln, was wie eine Oase für mich war. 

Gab es je Momente, in denen du deine Entscheidung hinterfragt hast – vor allem in Bezug auf den Ausnahmestatus des Saxophons in der klassischen Musik?
Ich muss mich da bei meinen Eltern bedanken, denn sie wussten nicht, dass das Saxophon etwas Besonderes ist und man nicht wie mit Geige und Klavier solistisch unterwegs sein kann. Ich habe erst in Deutschland mitbekommen, dass es nicht normal ist, in der Klassik Saxophon zu spielen. Dann war es irgendwie zu spät… Und ich bin auch ein bisschen trotzig und habe mir gesagt: „Das geht so nicht. Man muss nur zeigen, wie schön es klingen kann!“

Du bewegst dich bewusst zwischen Genres und Epochen. Warum ist dir dieser offene Zugang wichtig?
Lange Zeit war ich sehr einseitig auf das klassische Saxophon konzentriert, weil man immer hörte: „Ah, du bist Saxophonistin, du spielst ja Jazz“. Mit 17/18 Jahren ist man dann ein bisschen beleidigt. Ich glaube, alle klassischen Saxophonisten kennen das. Aber ich bin ein neugieriger Mensch und mich interessieren verschiedene Genres. Musik ist wie eine Sprache, mit der man kommuniziert und am besten ist es eben keine Trennung der Genres zu haben. Ich bin meistens mit meinem Saxophon ein Außenseiter, also stört es mich nicht, wenn es ein Genre mehr ist, zu dem ich eigentlich nicht zugehöre. Ich genieße es, dass ich so zwischen verschiedenen musikalischen Orten springen kann. Die einzige Grenze für mich, was Bearbeitungen angeht, setze ich im 20. Jahrhundert, wo die Komponist*innen sehr spezifisch für die Instrumente geschrieben haben. Das muss ich nicht unbedingt für das Saxophon transkribieren oder umschreiben. Aber alles andere, wo es wirklich nur um Musik geht, passt wunderbar. 

Welche Rolle spielt Musik in deiner Freizeit? 
Wenn man so viel mit Musik arbeitet, dann genießt man auch die Natur und die Stille. Aber in meiner Freizeit beschäftige ich mich oft mit musikalischen Sachen, die mich interessieren, oder ich spiele ein anderes Instrument – lerne vielleicht sogar ein neues. Ich bin gerne Anfängerin, um die Frische beizubehalten. 

Was lernst du denn gerade für ein neues Instrument? 
Es ist mir peinlich (lacht), aber seit dem letzten Jahr lerne ich Laute, wo ich nicht zum Üben komme und kaum Fortschritte mache. Das ist so anders und schwer, aber dadurch entwickelt man mehr Verständnis für die eigenen Student*innen und wird auch besser in seinem eigenen Instrument.

Du setzt dich seit Jahren für eine bessere Wahrnehmung des Saxophons in der klassischen Musik ein. Hast du bereits einen Wandel beobachten können?
Ich muss sagen, es verändert sich kaum etwas. Ich war am Anfang so naiv zu denken, dass wenn ich ein bisschen Aufklärungsarbeit leiste, es besser wird. Was Musikgenre angeht, bin ich selbst ein bisschen schockiert von dieser falschen Wahrnehmung. Das Saxophon wurde im 19. Jahrhundert in Paris erfunden und wenn ich mit Student*innen Originalliteratur mache, klingt es sehr klassisch nach Opern und Paraphrasen. Jazz kam erst 80 Jahre später. Wenn wir diese Musik hören, denken wir: „Das ist Saxophon?“. Selbst wir Instrumentalist*innen haben das als Realität vertrieben. 

Und woran arbeitest du aktuell? 
Es entwickelt sich gerade etwas Neues: Ein Trio mit Klavier, Cello und Elektronik. „Bach Around Bach“ heißt es – wo wir improvisieren und die Wurzeln der Barockmusik nehmen, um das Gefühl von Freiheit darzustellen. Als die Musik geschrieben wurde, war sie frei und neu und jetzt wirkt sie oft musikalisch verstaubt. Wir nehmen es als Einladung, die Grenzen zu sprengen und darüber zu kommunizieren. Es ist spannend zu erkunden, wie man es gestalten kann.

Interview: Luca Mohr

Asya Fateyeva, © Marco Borggreve / www.marcoborggreve.com

Konzerttermine
12.04. mit dem Aris Quartett in der Elbphilharmonie 
02.05. mit Lars Danielsson in der JazzHall
09.09. mit der lautten compagney BERLIN in der Elbphilharmonie

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Aufmacherbild: Asya Fateyeva, © Marco Borggreve / www.marcoborggreve.com