„Warum hat niemand deine Tränen gesehen?”

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Die Schauspielerin und Sängerin Marion Elskis hat einen neuen Song veröffentlicht: „Warum?“. Es geht um leise Menschen, die scheinbar funktionieren, aber innerlich kämpfen, zerbrechen und freiwillig aus dem Leben gehen. Die Poppenbüttlerin wirft einen respektvollen Blick auf die menschliche Verletzlichkeit.

Hamburg Woman: Ich habe mir deinen Song angehört – schön, ruhig und einfühlsam, aber wirklich sehr, sehr traurig. Wie kam es dazu?
Marion Elskis:
Das ist eine lange Geschichte, denn der Song lag über Jahre hinweg in einer Schublade. Auslöser war der Suizid eines Jungen aus der Nachbarschaft. Ich hatte sofort diese Zeilen im Kopf, im Bauch. Nachdem sich dann auch unser Trauzeuge 2008 unerwartet das Leben genommen hatte, habe ich den Song weitergeschrieben, wieder in die Schublade gelegt und in der Coronazeit beendet und zusammen mit Mathias Grosch (Sing mein Song) produziert. Es ist auch ein sentimentales Video unter der Regie von Daniel Brauer (The Voice of Germany) in den Heilstätten Grabowsee entstanden. Aber irgendwie war immer noch nicht der richtige Zeitpunkt, ihn rauszubringen. Ich meine, der ist wahrscheinlich nie, aber auslösend war eine Zugverspätung vor gut einem Monat – ich stand eine Stunde auf den Gleisen, weil sich eine Person vor den Zug geworfen hatte.

Traurig …
Ja, es passiert immer wieder … das spiegeln auch die Reaktionen wider, die ich auf den Song erhalte – viele berichten mir von Suiziden im Familien-, Bekannten- oder Freundeskreis. Und wenn man ehrlich ist, kennt doch jeder von uns derartige Fälle in seinem Umfeld, oder sogar direkt die Person, die freiwillig gegangen ist.

Danach bleiben viele Fragen und das hast du passend mit folgender Songzeile ausgedrückt: „Warum hast du den Weg gewählt, niemandem von deinem Plan erzählt? Warum warst du nur stumm, warum, warum?“
Leider bleiben die Pläne ja meist im Verborgenen. Mir hat eine befreundete Psychiaterin geschrieben: „Dein Song berührt mich sehr als Mensch und als Psychiaterin. Der Gedanke, dass man diesen leidenden Menschen allein damit helfen könnte, wenn man hinschaut, sie anspricht, eine Verbindung aufbaut und damit zeigt: Du bist nicht allein. Und das kann helfen, dass sie sich Hilfe holen.“ Das hat mich gefreut, denn genau darum geht es mir in dem Lied.
Unseren Nachbarsjungen habe ich beispielsweise kurz vorher im AEZ getroffen ….  natürlich überdenkt man so einen Moment hinterher: Er hat mich begrüßt und ist dann irgendwie stehen geblieben. Ich war aber in Eile und hab nur „Hallo“ gesagt. Später habe ich gedacht: Hätte ich ihn auf einen Kaffee einladen sollen? Vielleicht hätte man dadurch aber auch nichts verhindern können. Ähnlich ist es mir dann bei unserem Trauzeugen ergangen: Warum haben wir ihn nie eingeladen? Na gut, er lebte in New York, was die Sache natürlich erschwert, aber warum wussten wir nichts von seiner Depression? Warum haben wir nicht gefragt, wie es ihm geht? Hätte das etwas geändert? Man kann sich jetzt nur noch mit der Vorstellung trösten, dass es denen, die hier so viele seelische Schmerzen hatten, dort besser geht, wo sie jetzt sind. 
Ich habe mein Verhalten seit dem verändert. Es gibt so viele Menschen, die sich nicht trauen über ihre Probleme zu reden. Deswegen finde ich es so wichtig, zwischen den Zeilen zu lesen, wenn man die Chance dazu hat. Ich nehme mir jetzt die Zeit nachzufragen und zuzuhören, wenn ich das Gefühl habe, meinem Gegenüber geht es schlecht. Denn viel zu oft hört man diesen klassischen, belanglosen Gesellschafts-Smalltalk, bei dem Probleme Anderer weggelächelt oder abgetan werden. 

Was hat der Song mit dir gemacht?
Ich habe Trauer aufgearbeitet, über den Verlust dieser beiden lieben Menschen auf jeden Fall und noch von anderen Dingen. Das hat lange gedauert, denn ich habe den Song ja immer wieder hervorgeholt, um an ihm zu arbeiten. Aus diesem Grund hat er jahrelang mein Herz bewegt. In dieser Zeit ist mir immer deutlicher geworden, wie schlecht die Gesellschaft mit depressiven Verstimmungen und Depressionen der Mitmenschen umgeht – frei nach dem Motto „Nur die Harten kommen in den Garten“. Dieses Sprichwort, das ursprünglich aus der Gärtnerei stammt, ist einfach falsch. Das habe ich mir von der Seele geschrieben und wünsche mir, dass dieser Song – der leise und nicht anklagend daherkommt – vielen Leuten Mut macht, sich anderen in Krisen anzuvertrauen. „Warum“ soll alle dazu einladen, genauer hinzusehen, zuzuhören und Empathie zuzulassen – für andere, aber auch für sich selbst.


Die Single „Warum“ gibt es auf Spotify, Apple Music & allen gängigen Streaming-Plattformen. Mehr Infos dazu und zu Marion Elskis gibt es HIER.

Aufmacherfoto: © Jan Stapelfeldt

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Geht es dir / Ihnen gerade nicht gut? Unter folgenden Nummern und Websites gibt es Hilfe: 
TelefonSeelsorge 0800 1110111
Nummer gegen Kummer 116 111

www.deutsche-depressionshilfe.de
www.nummergegenkummer.de
www.die-arche.de