Besonders in Zeiten von Social Media kommt eines oft zu kurz: Das Aufschlagen eines Buches, sich vertiefen in andere Welten, Zeit investieren in die achtsamere Art der Informationsaufnahme. Bestsellerautorin Meike Winnemuth ist zurück und widmet sich genau diesem Thema: In »Eine Seite noch« schreibt sie eine Liebeserklärung ans Lesen. Wir wollten wissen, was sie bewegt. Welche Veränderungen Lesen mit sich bringt. Und welches besondere Buch ihr zum richtigen Zeitpunkt in die Hände fiel.
In „Eine Seite noch“ nehmen Sie uns durch einen ganzen Lesesommer mit. Was haben Sie über sich selbst neu gelernt, während Sie sich so intensiv dem Lesen gewidmet haben?
Meike Winnemuth: Dass ich das Lesen liebe, war mir zwar klar, sonst hätte ich dieses Buch nicht zu schreiben begonnen. Aber wie sehr und warum, das hätte ich vorher nicht zu benennen gewusst. Das Buch ist eine Liebeserklärung, ich habe versucht, mir meine Liebe zum Buch zu erklären.
Sie schreiben, Lesen mache „das Leben eine Nummer größer“. Was genau meinen Sie damit und wann haben Sie das ganz besonders gespürt?
Bücher lassen uns Erfahrungen machen, die wir im wahren Leben nicht gehabt hätten: Wir können in ferne Länder und ferne Zeiten reisen, wir können eine Weile in anderen Köpfen leben. Beim Lesen des „Kopfkissenbuchs“ von Sei Shonagon habe ich mich einer Hofdame aus dem Jahr 1000 so nah gefühlt wie einer guten Bekannten – das ist doch unglaublich! Oder wenn Seneca mahnt, das Leben nicht aufs Alter zu verschieben: „Wenn einer graue Haare hat oder Runzeln, brauchst du deswegen nicht zu glauben, er habe lange gelebt: Er hat nicht lange gelebt, er ist einfach nur lange da gewesen.“ Das ist aus dem Jahr 49 n.Chr. und bis heute taufrisch.
Gab es in letzter Zeit eine konkrete Begegnung oder Rückmeldung, die Ihnen gezeigt hat, wie sehr Bücher Menschen miteinander verbinden können?
Neben diesen jähen Momenten des Verbundenseins mit dem Autor oder der Autorin habe ich auch immer wieder erlebt, dass Bücher wie Scharniere zwischen Lesenden sein können. Ich selbst bin in zwei Lesezirkeln, tausche mich mit anderen aber auch per Instagram über Bücher aus. Lesen war ja früher immer ein einsames Geschäft, das ist es aber heute überhaupt nicht mehr, sondern fast schon ein sozialer Akt.
Welches Buch war in Ihrem eigenen Leben einmal genau zur richtigen Zeit da?
In einer akuten Liebeskummer-Phase hat mir mal Joan Didions „Jahr des magischen Denkens“ geholfen. Didion schreibt über den Tod ihres Mannes – so schlimm war es bei mir nicht, aber das Gefühl des Verlustes eines sehr wichtigen Menschen hatte ich eben auch. Das Buch hat mich damals sehr getröstet.
Sie haben sich auf Lese-Challenges eingelassen. Was hat diese spielerische Herangehensweise verändert – liest man anders, wenn man sich selbst Aufgaben stellt?
Ich finde schon. Es nimmt dem Lesen ein bisschen die Schwere, es als Spiel zu betrachten, in dem man ja ohnehin alles darf – man muss sich manchmal halt selbst die Erlaubnis geben, ein bisschen links und rechts der eigenen Gewohnheiten zu lesen.
Was würden Sie sagen: Worin liegt dieser Glücksmoment, der das Lesen mit sich bringen kann – im Abtauchen, im Wiedererkennen oder im Neu-Entdecken?
In absolut allem davon. Sich immer wieder für eine Weile der Welt zu entziehen halte ich für ungemein gesundheitsfördernd. Einfach nicht zur Verfügung zu stehen, sondern den eigenen Fährten zu folgen: unbezahlbar. Bücher erlauben das. Was man dabei erlebt oder entdeckt, ist dabei zutiefst persönlich, das kann man meist auch gar nicht vorher wissen.
Wenn jemand Ihr Buch zuschlägt: Was wünschen Sie sich, das bleibt?
Lust auf das nächste Buch, egal welches.
Interview: Hanna Odenwald

Aufmacher: © Meike Winnemuth, Penguin Verlag


