Der Großvater der Hamburgerin Jenny Beyer war kommunistischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Im Tanzsolo „Zurück zu Ali“ beschäftigt sich die Choreografin durch seine Vergangenheit mit der Frage nach Erbe, Erinnerungskultur und der Relevanz individueller Geschichten für die aktuelle Zeit. Zu sehen Ende März in Winterhude auf Kampnagel.
Alster Aktuell: Wie präsent war die Geschichte Ihres Großvaters Walter „Ali“ Beyer in Ihrer Kindheit?
Jenny Beyer: Die Geschichte meines Großvaters war in meiner Kindheit sehr präsent. Meine Eltern und auch er selbst haben meiner Schwester und mir Schritt für Schritt davon erzählt. Es war für mich selbstverständlich, dass wir in unserer Familie offen über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen haben. Erst später habe ich gemerkt, dass das keineswegs überall so war.
Gab es einen Moment, in dem Sie wussten: Diese Geschichte gehört auf die Bühne? Und hatten Sie Zweifel, ob sie sich durch Tanz erzählen lässt?
Einen konkreten Moment kann ich nicht benennen, die Idee ist über Jahre gewachsen. Aber ich erinnere mich an einen Augenblick: Ich war allein im Studio, habe die Augen geschlossen und mir vorgenommen, nur mit dem Gedanken an meinen Opa zu tanzen. Das war sehr emotional – und danach wusste ich, dass ich an diesem Thema weiterarbeiten möchte.
Zweifel, ob sich diese Geschichte durch Tanz erzählen lässt, gab es von Anfang an und sie sind bis heute da. Es ist eine Herausforderung. Aber Tanz ist meine Sprache. Wenn ich von ihm erzählen will, dann muss ich tanzen.


Wie sah der Entstehungsprozess aus?
Das Stück speist sich aus unterschiedlichen Quellen: aus meinen eigenen Erinnerungen an meinen Opa, aus den Erzählungen meiner Mutter über ihre Kindheit, die Nachkriegszeit und ihr Erleben als Tochter – und aus dem, was er mir selbst erzählt hat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie wir bei ihm im Wohnzimmer saßen und er berichtete. Eine weitere wichtige Ebene sind seine schriftlichen Erinnerungen aus den 1980er-Jahren, ein transkribiertes Interview und historische Dokumente. Im Entstehungsprozess geht es für mich darum, diese persönlichen und historischen Ebenen miteinander zu verbinden. Ich recherchiere weiter, überprüfe Details und entdecke immer wieder neue Aspekte. Das empfinde ich als besonders spannend – auch wenn die Auswahl eine große Verantwortung bedeutet.
Der Großvater Ihres Vaters war auf der „anderen Seite“.
Ja, mein anderer Großvater war Soldat in der Wehrmacht und hat sich zeitlebens nicht von der Ideologie des Nationalsozialismus distanziert. Ich habe miterlebt, wie sich die beiden Großväter tatsächlich auseinandergesetzt haben. Mein Großvater Ali fragte immer wieder: „Was habt ihr im Krieg getan?“ Durch sein eigenes bewusstes Handeln hat er den Mythos vom „Wir haben von nichts gewusst“ klar widerlegt. Widerstand war für ihn keine spontane Reaktion, sondern eine Entscheidung, die aus Überzeugung getroffen wurde. Mich beschäftigt bis heute, was Menschen dazu befähigt, Widerstand zu leisten – und warum der eine Großvater Verantwortung übernahm, während der andere es nicht tat.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Widerstandsbiografie Ihres Großvaters für die heutige Zeit?
Eine Erinnerung, die mein Großvater aufgeschrieben hat, betrifft die Räumung des KZ Neuengamme. Als Häftling konnte er kurz vorm Ende des Krieges heimlich in das Krematorium hineinschauen. Was er dort sah, war ein vollständig gereinigter Raum. Die Nationalsozialisten hatten alles getan, um ihre Verbrechen zu vertuschen, Spuren zu beseitigen, Zeug*innen zu ermorden. Es ist so wichtig, weiterzuerzählen. Wenn heute – etwa von der AfD – Gedenkstätten infrage gestellt oder historische Verbrechen relativiert werden, knüpft das an genau dieses Verdrängen an. „ZURÜCK ZU ALI“ versteht Erinnerung als etwas Aktives und Gegenwärtiges. Die Auseinandersetzung mit der Widerstandsbiografie meines Großvaters ist auch eine Konfrontation mit mir selbst: Wer bin ich als politischer Mensch in einer Zeit, in der rechte Ideologien erstarken? Diese Fragen betreffen uns alle. Das Interview führte Luca Ellen Mohr
KULTUR-TIPP:
TANZ, JENNY BEYER, ZURÜCK ZU ALI: 25. -28. März, Kampnagel K2, 20 Uhr, 70 min. Das Stück wird mit Audiodeskription gezeigt. 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung findet zudem eine Tastführung für blindes und sehbeeinträchtigtes Publikum statt. Das Projekt wird begleitet von offenen Studioformaten zu Erinnerung, Teilhabe und Reflexion und entsteht im Rahmen von »Shared Leadership in Dance«. Mehr Infos und Tickets für 18 / er. 9 Euro gibt es HIER.
Alle Fotos © Julie Nagel


