Die Hamburger Künstlerin und Biodesignerin Bea Brücker arbeitet mit Materialien wie Algen, Bakterien und Myzel. Wir sprachen mit ihr über ihre erste Soloausstellung, über die kollektive Müdigkeit unserer Gesellschaft und wie Bea im Biodesign ihre Hoffnung findet.
Bea, du bist in Hamburg aufgewachsen und hattest nun deine erste große Soloausstellung. Wie fühlt sich das an?
In meiner Heimatstadt meine erste Soloausstellung zu zeigen, bedeutet mir unglaublich viel. Nachdem ich längere Zeit in London gelebt und gearbeitet habe und meine Arbeiten vor allem international ausgestellt wurden, ist es umso schöner, nun mit dieser Ausstellung zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier in meiner Heimat auf so wunderbare Resonanz stieß und mir diese Möglichkeit gegeben wurde.

Dein Ausstellungstitel spricht von „Erschöpfung“. Wie erlebst du diese Müdigkeit selbst – als Künstlerin, als Mensch?
Ich spüre diese Erschöpfung oft, als Mensch und als Künstlerin. Dieses Gefühl, machtlos und überfordert zu sein. Da sind diese großen Fragen, die dringend beantwortet werden müssen: Wie können wir einen ökologischen Kollaps abwenden, Kriege beenden, post-kapitalistische, gerechte Systeme entwickeln? Gleichzeitig ist da diese Dauererschöpfung, die unseren Alltag prägt. Das Leben wird immer teurer, immer komplexer. Wie soll man da noch Mitgefühl für z.B. aussterbende Lebewesen empfinden, die wir größtenteils nicht einmal sehen? Erschöpfung ist für mich nicht nur ein individueller Zustand, sondern auch ein kollektives Gefühl. Wir leben in einer Zeit permanenter Krisenkommunikation – alles scheint dringlich, aber kaum etwas verändert sich wirklich. In meiner Ausstellung „Apocalypse Fatigue/Erschöpfung“ geht es genau darum: Wie fühlt es sich an, wenn wir permanent alarmiert sind und dennoch nichts Grundlegendes passiert? Ich sehe in dieser Müdigkeit keinen Ausdruck von Schwäche, sondern ein Symptom unseres Systems. Meine Arbeit versucht, diesen Zustand sichtbar und spürbar zu machen und vielleicht Räume zu öffnen, in denen neue Formen von Fürsorge und Verbundenheit entstehen können. Und sie gibt mir die Möglichkeit, auf diese Spannung zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Begrenztheit der eigenen Handlungsspielräume zu reagieren.
Seit wann begleitet dich dieses Thema?
Das Thema begleitet mich seit der COVID-19-Pandemie. Aus der anfänglichen Panik wurde schnell ein Gefühl von Stillstand und Erschöpfung. Ähnlich geht es mir mit dem Klimawandel: Wir erleben seine Auswirkungen längst, und doch scheint sich eine Art kollektive Müdigkeit einzustellen. Es ist, als wären wir des Untergangs müde geworden. Diese „Apocalypse Fatigue“ war der Ausgangspunkt meiner Arbeit und bedeutet für mich eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir nach dem Kapitalozän weiterleben können, nicht herrschend, sondern mit Fürsorge und Verständnis gegenüber uns und anderen Spezies.
Und wann kamst du das erste Mal mit Biodesign in Berührung?
Das war 2018. Ich stand kurz vor meinem Bachelorabschluss in Modedesign und war frustriert. Je mehr ich mich mit der Mode- und Textilindustrie auseinander setzte, desto weniger konnte ich mir vorstellen, Teil eines Systems zu sein, welches auf der Ausbeutung von Menschen und unserer Umwelt aufbaut. Anstatt alles hinzuwerfen und mich wieder meinem abgebrochenen Jurastudium zu widmen, bin ich dann auf Biodesign und Speculative Design gestoßen. Die Idee, biologische Systeme zu nutzen, von der Natur zu lernen und natürliche Kreisläufe als Vorbild zu nehmen, gab mir wieder Hoffnung. Später am Royal College of Art in London in meinem Masterstudium wurde mir klar: Ja, das ist der Weg, den ich gehen will.
Du arbeitest unter anderem mit Algen, Bakterien und Myzel. Was fasziniert dich an diesen Materialien?
Ich arbeite oft mit Materialien, die nach der Verarbeitung nicht mehr lebendig sind, durch ihre kompostierbaren Eigenschaften jedoch Ursprung für weiteres Leben sein können. Mich interessiert, wie wir Möglichkeiten zur Regeneration von Ökosystemen herstellen könnten. Makroalgen zum Beispiel können überschüssige Nährstoffe aus Wasser aufnehmen und so aquatische Ökosysteme bereits während des Anbaus wieder in Balance bringen. Ich nutze sie, um kompostierbare Materialien herzustellen: Sie werden wieder Teil des Kreislaufs, dienen als Dünger. So werden sie für mich zu einem Gegenentwurf zu den Produktionssystemen, die oft Lebensräume zerstören und ökologische Regeneration verhindern.

Viele sehen Biodesign vor allem als nachhaltige Materialforschung. Was bedeutet es für dich und wo siehst du die Grenzen des klassischen Nachhaltigkeitsdiskurses?
Für mich ist Biodesign nicht nur Materialforschung, sondern System- und Gesellschaftsforschung. Wenn ich ein Produkt entwickle, muss ich fragen: In welchem Produktionssystem existiert es? Welche Machtverhältnisse stehen dahinter? Ein „nachhaltiges Material“ in ein bestehendes, ausbeuterisches System einzufügen, reicht nicht. Die Grenze des klassischen Nachhaltigkeitsdiskurses sehe ich darin, dass er oft „grüne Formen desselben Systems“ liefert, also gleiche industrielle Strukturen, gleiche Logik, aber mit vermeintlich besseren Materialien. Das verändert nicht die Grundmechanik von Überproduktion, Ausbeutung, ungleichen Machtverhältnissen. Für mich heißt Biodesign: Denk das Ganze neu. Kreisläufe, Machtverhältnisse, Herstellungsbedingungen, Nutzung, Materialzerfall. Wie kann ein System entstehen, das regenerativ ist, das nicht nur „weniger schlecht“ ist, sondern sogar positive Veränderungen anstoßen könnte.
Inwieweit können wir im Alltag das Verhältnis zwischen Mensch und Natur neu denken, um mehr Achtsamkeit zu leben?
Im Alltag könnte ein Reflektieren der eigenen Rolle nützlich sein. Wahrnehmen, dass wir nicht vom Gesamtgebilde Natur getrennt sind, sondern Teil davon. Das heißt, den Mensch nicht im Zentrum sehen, sondern mehr-als-menschliche Lebewesen, Mikroorganismen, Ökosysteme mitzudenken und Fürsorge zu entwickeln. Achtsamkeit bedeutet hier nicht nur Ressourcenschutz, sondern Respekt, Beziehung und Mitgefühl. Im Alltag können das schon kleine Verschiebungen sein, die große Wirkung haben können. Wir könnten über die Bedeutung von Mikroorganismen lernen, die in und um uns herum sind. Wir können Produkte unter die Lupe nehmen, untersuchen, wie diese produziert wurden; Prozesse erkennen; nicht nur nutzen, sondern mitgestalten und mitverantworten. Wir können uns mit dem eigenen Kompost auseinandersetzen, genauer hinschauen.
Was hilft dir selbst, nicht in Apathie zu fallen; worin liegt deine Hoffnung?
Es gibt immer mehr Forschung im Bereich Biodesign und Biomaterialien und Menschen reagieren sensibler auf Greenwashing und sind achtsamer im Alltag. Als ich damals angefangen habe in diesem Bereich zu arbeiten, wurde ich häufig belächelt. Das ist nun nicht mehr so. Im Gegenteil. Das gibt mir Hoffnung. Außerdem kann Design und Kunst helfen. Denn es macht Dinge sichtbar, schafft Zugang und lädt zur Aktion ein. Wenn Menschen erleben, nicht nur kognitiv, sondern körperlich, sinnlich, dann entsteht Verbindung, dann entsteht Handlungsimpuls.
Interview: Hanna Odenwald
Mehr Infos HIER / Instagram: @beabruecker
Aufmacherbild: Ein Ausschnitt aus Bea Brückers Kurzfilm „Apocalypse Fatigue”. (Schauspielerin: Josephine Thiesen, Produktion: Studio Goos)
Alle Bilder: © Brücker


