In unserem Magazin HAMBURG WOMAN sprechen wir in der Rubrik „Starke Stimmen“ mit Macherinnen, die etwas bewegen oder erschaffen, unendlich viel Kreativität besitzen oder eine starke Meinung vertreten. In der aktuellen Ausgabe mit dabei: Prof. Dr. Beate Heinemann. Die Physikern hat im April den Vorsitz des Direktoriums bei DESY übernommen und ist damit die erste Frau an der Spitze des Forschungszentrums.
Was hat Sie ursprünglich an der Physik fasziniert
In meiner Kindheit habe ich einfach gerne gerechnet. Es hat mir immer Spaß gemacht, Aufgaben zu lösen – erst in der Mathematik und dann später in der Physik. Letztlich ist das Ziel der Physik aber, die Welt zu verstehen. Das ist mir erst im Studium so richtig klar geworden. Ich habe das Buch „Die ersten drei Minuten“ in die Hände bekommen und das hat mich förmlich umgehauen. Darin geht es um die allerersten drei Minuten des Universums und mir wurde bewusst, wie unglaublich viel die Menschen davon bereits verstehen. Das fasziniert mich bis heute.
2016 sind Sie aus den USA zurück nach Deutschland und zu DESY gekommen. Was schätzen Sie an der Forschungslandschaft hier besonders?
Derzeit wird besonders deutlich, welch hohes Gut die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland hat, die ja auch im Grundgesetz verankert ist. Ich finde es unerträglich, wie die Unabhängigkeit der Wissenschaft gerade in den USA mit Füßen getreten wird. Außerdem schätze ich sehr, dass die Wissenschaft hier generell von den demokratischen Parteien nicht politisiert wird. Es gibt ein Grundverständnis, dass Wissenschaft wichtig ist und wissenschaftliche Tatsachen wie der Klimawandel oder die Wirkung von Impfstoffen nicht in Frage gestellt werden.
Bei DESY selbst schätze ich, dass es sowohl im Hamburger Raum als auch auf Bundesebene stark unterstützt wird. Aber auch die Verbundenheit der Mitarbeitenden zu DESY ist etwas Besonderes. Sie brennen für das Zentrum und setzen sich unglaublich dafür ein.
DESY ist an vielen bahnbrechenden Forschungsergebnissen beteiligt gewesen. Haben Sie einen Favoriten?
Als Wissenschaftlerin, die sehr begeisterungsfähig und immer neugierig ist, freue ich mich über jeglichen Fortschritt und würde nicht eine Sache speziell hervorheben. Das Herz des DESY ist die Grundlagenforschung. Ich fände es schon spektakulär, wenn wir ein Riesenrätsel lösen könnten, beispielsweise was dunkle Materie ist. Dazu haben wir auch ein Experiment bei DESY.
Wir machen aber teilweise auch sehr anwendungsnahe Forschung und können dazu beitragen, die Welt konkret besser zu machen – durch unsere Forschung zur Batterieentwicklung, Entwicklung besserer Energiespeicher oder auch zum Covid-Vakzin, wozu auch bei DESY geforscht wurde.

Das Thema Frauen in MINT ist für Sie eine Herzensangelegenheit. Wie sieht es derzeit mit der Chancengleichheit in diesen Bereichen aus?
Nehmen wir das Beispiel Physik. Da sind wir immer noch bei ca. 25 % Frauen, die einen Master-Abschluss machen – nicht 50 %. Für viele ist die Physik also noch nicht so attraktiv wie andere Fächer. Das betrifft auch Bereiche wie den Maschinenbau oder Elektrotechnik. Frauen sind genauso talentiert wie Männer, sie sind aber immer noch anders sozialisiert. Das finde ich schade, denn diese Bereiche können Spaß machen und Menschen erfüllen.
Hinzu kommt, dass Frauen in Leitungspositionen in Deutschland noch immer stark unterrepräsentiert sind – auch im Vergleich zum EU-Durchschnitt. Das ist nicht nur in den MINT-Bereichen so, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Bei DESY haben wir verschiedene Projekte, um Frauen zu fördern. Wir haben inzwischen über 36 % Frauen bei den leitenden Wissenschaftler*innen, das waren 2009 noch null. Und dadurch, dass Wissenschaftlerinnen eine stärkere Präsenz haben, werden auch junge Frauen ermutigt, in solche Berufe zu gehen.
Sie arbeiten nicht mehr vorrangig als Wissenschaftlerin, sondern als Vorsitzende des Direktoriums. Wie gefällt Ihnen das bisher?
Es ist ganz anders, aber auch sehr vielseitig und spannend. In der Wissenschaft muss man sich in ein bestimmtes Thema sehr tief einarbeiten, manchmal sogar über Jahrzehnte. Meine jetzige Aufgabe ist thematisch etwas breiter gefächert und da ich mich für vieles begeistern kann, passt das auch sehr gut zu mir. Insbesondere kommunizieren zu können, was wir in der Wissenschaft leisten, macht mir sehr viel Freude. Luca Ellen Mohr

Über Prof. Dr. Dr. h. c. Beate Heinemann:
Die gebürtige Hamburgerin (*1970) leitet das Forschungszentrum DESY seit April 2025 als erste weibliche Vorsitzende des Direktoriums. Zuvor war sie ab Februar 2022 die erste weibliche Direktorin des Forschungsbereichs Teilchenphysik bei DESY.
2024 erhielt Beate Heinemann den Ehrendoktortitel der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Als Professorin lehrt sie seit 2023 an der Universität Hamburg und ist Leitende Wissenschaftlerin im Exzellenzcluster Quantum Universe. 2017 wurde sie Leitende Wissenschaftlerin bei DESY und Professorin für Experimentelle Teilchenphysik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Zu Beginn ihrer Karriere arbeitete Beate Heinemann unter anderem am CDF-Experiment bei Fermilab sowie am ATLAS-Experiment am Large Hadron Collider (LHC) bei CERN – zunächst als Forscherin der University of Liverpool (UK) und später der University of California, Berkeley (USA).
2012 war Beate Heinemann an der Entdeckung des Higgs-Bosons beteiligt. Sie promovierte am H1-Experiment an DESYs Teilchenbeschleuniger HERA.
Mitgliedschaften und Auszeichnungen:
seit 2024 Akademie der Wissenschaften in Hamburg
2024 Ehrendoktorwürde der Universität Zürich, Schweiz
seit 2021 “Physics Advisory Committee” am FNAL, IL (USA)
seit 2019 Co-Sprecherin des Programms “Matter and Universe”, Helmholtz-Gemeinschaft
2018 – 2020 Mitglied der „Physics Preparatory Group“ für das European Particle Physics Strategie-Update 2020
seit 2018 Wissenschaftliche Leitung der LUXE-Kollaboration
seit 2017 “Scientific Policy Committee”, CERN
2014 – 20216 Luis Alvarez Memorial Chair an der University of California, Berkeley/CA, USA
2013 – 2017 Stellvertretende wissenschaftliche Leiterin der ATLAS-Kollaboration
2013 EEPS HEPP Preis für die Entdeckung des Higgs-Bosons (als Mitglied der ATLAS Kollaboration)
2009 – 20211 ATLAS-Koordinatorin der Datenaufbereitung (im ersten Jahr als Stellvertreterin)
2009 Gewählt als Fellow der American Physical Society
1999 Dissertationspreis des Fachbereichs Physik der Universität Hamburg, Deutschland
Mehr Infos zu DESY gibt es HIER.
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