Die Saseler Schauspielerin Andrea Lüdke steht bis zum 27. November in den Hamburger Kammerspielen auf der Bühne. In „Sie sagt. Er sagt.“ von Ferdinand von Schirach. Ein bedrückendes Stück über Glaubwürdigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheitsfindung. Wir wollten von ihr wissen, wie sie sich bei diesem Stück zu einem nach wie vor brandaktuelles Thema auf der Bühne fühlt.
Hamburg Woman: Du spielst eine Figur, die behauptet vergewaltigt worden zu sein, aber neutrale Menschen können nicht wissen, ob es stimmt. Es ist zum Glück nur Theater, aber in echt passiert das tausendfach (siehe MeToo). Was ist es für ein Gefühl so eine Rolle zu spielen?
Andrea Lüdke: Diese Rolle geht mir schon sehr an die Substanz. Ich durchlebe diesen Abend stellvertretend für betroffene Frauen allein durch die glaubwürdige Erzählung ja mit jeder Faser meines Körpers und der macht leider keinen Unterschied, ob es mir selbst passiert ist oder nur wahrhaftig gespielt und empfunden. Verrückt, ich hatte nach der Premiere ziemlich fiese Rückenschmerzen im unteren Lendenwirbelbereich.
Hat das Eintauchen in ein Stück, in dem Wahrheit und Lüge verschwimmen, deine Sicht auf Geschichten anderer oder die Gesellschaft verändert? Dazu kommt, dass man aufgrund von Deepfake und Fake News kaum etwas glauben kann…
Jede Frau, der so etwas passiert, weiß was ihr passiert ist. Diese Wahrheit ist nicht verschwommen, allerdings sehr oft die Beweislage, da Vergewaltigungen ja in der Regel ohne Zeugen stattfinden und allein die gesicherten Spuren und glaubwürdig schlüssige Aussagen zu einem Strafprozess führen. Ich finde erschreckend, wie tief Vergewaltigungsmythen immer noch im Bewusstsein der Gesellschaft verankert sind, wie z.B. die Vorstellung, dass ein Vergewaltigungsopfer nach der Tat nichts Besseres zu tun hat, als schnurstracks zur Polizei zu gehen, um Anzeige zu erstatten.
Was bedeutet es für dich, die Zuschauer in eine Situation hineinzuführen, in der sie ihre eigenen Vorurteile und Urteile über Schuld und Glaubwürdigkeit hinterfragen müssen?
Ich finde es wichtig, sich mit den Tatsachen zu beschäftigen, auf Evidenz basierte Fakten. Im Alltag denkt man, wir wären aufgeklärt und schon viel weiter. Doch die Zahlen und Fakten lügen nicht. Schaut man sich die aktuellen Statistiken von Gewalt gegen Frauen bis hin zu der steigenden Zahl von Femiziden an, kann man echt eine Krise bekommen, zumal im Umfeld ja auch oft Kinder unmittelbar mitbetroffen sind. Wir versuchen den Zuschauern den komplizierten Prozess der Wahrheitsfindung nahezubringen. Ein Täter darf Schweigen, da er sich nicht selbst belasten muss, das Opfer hingegen muss die Tat bis in die intimsten Details beschreiben und Beweise zu erbringen. Geurteilt wird nach Sachlage, Rechtswidrigkeit und Schuld. Mit seinem Urteil entscheidet jeder Mensch am Ende auch, wer er selbst ist.
Wenn du nach der Vorstellung mit Zuschauer*innen ins Gespräch kommst, nach der Premiere war es sicherlich der Fall – welche Reaktionen sind am häufigsten – Mitgefühl, Zweifel, Wut, Unsicherheit?
Die Zuschauer sind hin und hergerissen. Jeder muss sich am Ende ganz individuell befragen, wem er Glauben schenkt. Das können und wollen wir keinem abnehmen.
Was nehmen die Zuschauer*innen mit nach Hause?
Ich hoffe, dass wir im besten Falle die Sinne für Missbrauch schärfen, ein genauer Hinsehen und im Zweifelsfall ein Nachfragen, Mitfühlen und Verständnis provozieren, denn Vergewaltigungen finden ganz selten in dunklen Gassen statt, eher im sozialen Umfeld, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft und sogar im familiären Umfeld, da, wo man denkt, dass man doch eigentlich sicher ist.

Und was nimmst du mit nach Hause? Was löst das Stück bei dir aus?
Dieses Thema liegt mir so am Herzen! Es ist wirklich unfassbar, was man alles erfährt, wenn man sich ein wenig intensiver mit dem Thema sexueller Gewalt beschäftigt. Ferdinand von Schirach ist so ein kluger hochsensibler Autor, dessen Anliegen, die Würde und Freiheit eines jeden Menschen zu akzeptieren oder wieder herzustellen, in jedem Text, Roman, Drehbuch oder Theaterstück, spürbar ist.
Ich empfehle von Herzen all seine Bücher zu lesen und vor allem auch sein Europäisches Manifest „Jeder Mensch“, vergleichbar der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 oder der Erklärung der Menschen -und Bürgerrechte 1789 in Frankreich – ein echter Visionär in punkto der Herausforderungen unserer Zeit wie Globalisierung, Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Klimawandel! Kai Wehl
DARUM GEHT ES:
in „Sie sagt. Er sagt.“: Eine Frau beschuldigt ihren Ex-Geliebten, sie vergewaltigt zu haben. Zeugen gibt es nicht, und so dreht sich im Strafprozess alles um die Frage der Glaubwürdigkeit. Für beide steht viel auf dem Spiel: Die weitere private und berufliche Zukunft sowie die Reputation hängen maßgeblich davon ab, wessen Version das Gericht bestätigen wird. Mehr Infos & Tickets gibt es HIER.
Aufmacherfoto: Katharina Schlüter (Andrea Lüdke) behauptet vergewaltigt worden zu sein. Er streitet ab. Wer sagt die Wahrheit – wer lügt? Alle Fotos: © Bo Lahola


