Wenn sich die Blätter färben und die Abende länger werden, beginnt im Norden eine literarische Tradition, die mittlerweile selbst Geschichte geschrieben hat: Seit 20 Jahren geht „Der Norden liest – Die Herbsttour“ auf Reisen. Die Veranstaltungsreihe von NDR Kultur bringt Autor*innen dorthin, wo ihre Geschichten spielen – quer durch Norddeutschland, von Flensburg bis Greifswald, von Emden bis Göttingen. Zum runden Jubiläum 2025 wird die Literaturtour mit einem besonderen Programm gefeiert – und eröffnet wird sie mit einer starken Stimme aus Hamburg: Anja Kampmann.
Am 8. Oktober feiert die Hamburger Schriftstellerin Anja Kampmann die Hamburg-Premiere ihres neuen Romans „Die Wut ist ein heller Stern“ im Schmidtchen Theater auf der Reeperbahn – genau dort, wo die Geschichte ihres Buches verankert ist. Gemeinsam mit Schauspieler Benno Fürmann, der Passagen aus dem Roman liest, eröffnet sie den diesjährigen Lesereigen. Die Moderation übernimmt Alexander Solloch von NDR Kultur.
Der Abend markiert nicht nur den Auftakt zur Jubiläumstour, sondern bringt auch ein Stück Hamburger Stadtgeschichte zurück auf die Bühne: Kampmann erzählt in ihrem Roman vom legendären Varieté Alkazar, das einst genau dort stand, wo heute ein Penny-Markt residiert. Zwischen 1933 und 1937, in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft, wird das Varieté zur Bühne eines gesellschaftlichen Umbruchs, der ganz St. Pauli erfasst. Im Zentrum steht Hedda, eine Akrobatin, die zusehen muss, wie ihre Welt aus den Fugen gerät: Wer gestern noch unten war, steht heute oben – und umgekehrt. Die Atmosphäre ist von Misstrauen, Angst und subtiler Gewalt durchzogen. In poetischer, eindringlicher Sprache verleiht Kampmann dieser Epoche eine überraschend aktuelle Wucht.
Nicht umsonst lobte das Hamburger Abendblatt den Roman als „das Hamburger Buch des Jahres: St. Pauli in den bösen Jahren“. Kampmann, 1983 in Hamburg geboren und vielfach ausgezeichnet für ihre Lyrik und Prosa, lässt die Vergangenheit mit allen Sinnen lebendig werden: Man riecht das Brackwasser des Hafens, hört das Lachen im Varieté, spürt den Verfall der Freiräume. Das historische Hamburg wird zur Projektionsfläche für Fragen, die bis heute nachwirken: Wem kann man vertrauen, wenn die Verhältnisse kippen?
Die Veranstaltung im Schmidtchen Theater wird in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen, der Volkshochschule Hamburg, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte / Werkstatt der Erinnerung, dem Schmidt Theater und der Buchhandlung Christiansen organisiert. Für alle, die nicht dabei sein können, sendet NDR Kultur am 9. November eine Aufzeichnung des Abends im „Sonntagsstudio“.


Doch Anja Kampmann ist nur eine von vielen Stimmen, die das literarische Programm der diesjährigen Herbsttour prägen. In mehr als einem Dutzend Städten werden Autor*innen wie Caroline Wahl, Saša Stanišić, Ursula Krechel, Feridun Zaimoglu, Berit Glanz und „König Boris“ Lauterbach auftreten. Sie erzählen von Fischerbooten in der Bretagne, von Thomas Mann im Exil, vom Fußball in Hamburg oder von der komplizierten Liebe zwischen Mutter und Tochter – immer nah an den Menschen, immer mit einem Gespür für die Fragen der Zeit.
Ein besonderer Termin in Hamburg steht am 26. November im Millerntor Stadion an, wenn Musiker und St. Pauli-Fan König Boris auf der Bühne steht. Und beim großen Finale der Tour feiern Größen wie Karen Duve, Caroline Wahl und Saša Stanišić gemeinsam das, was alle Veranstaltungen eint: die Liebe zur Literatur.
„Der Norden liest – Die Herbsttour 2025“ ist nicht nur eine Lesereise, sondern auch ein kulturelles Statement: Seit zwei Jahrzehnten bietet sie Raum für Debatten, Geschichten und Erinnerungen. Dass Anja Kampmann mit einem so starken literarischen Auftakt das Jubiläum eröffnet, zeigt einmal mehr, wie lebendig, aktuell und berührend Literatur aus dem Norden sein kann.

Termin: Donnerstag, 8. Oktober, 19:30 Uhr
Ort: Schmidtchen Theater, Spielbudenplatz 21–22, 20359 Hamburg
Eintritt: 25 Euro (ermäßigt 20 Euro), zzgl. VVK-Gebühr
Tickets: Telefonisch unter 040 / 31 77 88 99, online unter www.tivoli.de
Sendetermin im Radio: 9. November 2025, 20:00 Uhr, NDR Kultur „Sonntagsstudio“
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Aufmacherbild: © Maximilian Goedecke


