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Donnerstag, 25 Juli 2024
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    StartLifestyleKunst & Kultur„Wir müssen die Dinge benennen!”

    „Wir müssen die Dinge benennen!”

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    Gesine Cukrowski steht in „Die Ärztin” im Mittelpunkt eines politischen und gesellschaftlichen Eklats, der dem Publikum eine Menge Stoff zum Nachdenken liefert. Wieso das Stück, das vom 21.03. bis 19.04. im Ernst Deutsch Theater auf dem Programm steht, von aktueller Relevanz ist, wie sie selbst zu kritischen Auseinandersetzungen sowie ihrer polarisierenden Titelrolle steht und was sie sich für unsere Gesellschaft wünscht – das und mehr erfahren Sie hier.

    HAMBURG WOMAN: In dem Theaterstück „Die Ärztin” stehen Sie als Dr. Ruth Wolff auf der Bühne. Worauf freuen Sie sich besonders?
    Gesine Cukrowski:
    Ich freue mich auf das Hamburger Publikum, das ich schon einige Male erleben durfte. Ich bin sehr gespannt darauf, wie unser Stück aufgenommen wird. Und ich freue mich sehr, dass Isabella Vértes-Schütter, Stefan Kroner und ich endlich zusammengekommen sind. Geplant war unsere Zusammenarbeit nämlich schon länger.

    Dem Inhalt des Stückes obliegt eine starke gesellschaftskritische Thematik. Haben Sie Bedenken, in die polarisierende Rolle der Ärztin zu schlüpfen?
    Ganz im Gegenteil. Das ist der Grund, weswegen ich zum Theater wollte. Genau solche Stoffe sind es, die wir als Gesellschaft brauchen, wenn wir uns weiterentwickeln wollen.

    Dr. Ruth Wolff wird Rassismus vorgeworfen. Sie selbst sieht sich antisemitischen und frauenfeindlichen Vorurteilen ausgesetzt. Möchten Sie das näher erklären?
    Anhand der Geschichte der Ärztin Ruth Wolff wird sehr geschickt veranschaulicht, wie schnell Inhalte sich verschieben lassen – durch leichte Manipulation des Gehörten und Gesehenen – und was das mit mir als Rezipienten macht. Wie weit ich mit der Manipulation mitgehe und mich manipulieren lasse. Es geht in dem Stück vor allem darum, wie Menschen sich positionieren – oder eben nicht. Und die Frage, wie moralisch es ist, seine eigenen Grenzen zu verschieben.

    Wie reagieren Sie auf Ungerechtigkeiten? Diskurs oder Rückzug?
    Ich halte Ungerechtigkeit gar nicht gut aus. Ich habe keine Angst vor einem Diskurs. Für eine funktionierende Gesellschaft können wir nicht alle den Kopf in den Sand stecken. Wir müssen die Dinge benennen – sonst kann sich nichts ändern.

    Nicht nur auf der Bühne beschäftigt sich Gesine Cukrowski mit kritischen Themen.

    In „Die Ärztin” geht ein Shitstorm los. Wie beobachten Sie das in der heutigen medialen Gesellschaft?
    Ein Shitstorm ist eine Form von Gewalt. Medien tragen eine besondere Verantwortung in Bezug auf das Zündeln von Konflikten. Ich würde mir wünschen, dass dieser Verantwortung anders nachgegangen wird. Die Art und Weise, wie Schlagzeilen gesetzt werden, um die Empörung anzupeitschen und damit die eigenen Verkaufs- und Klickzahlen zu steigern, finde ich sehr schwierig.

    Was sind Ihrer Meinung nach die relevantesten Debatten in dem Stück? Welche Thematik liegt Ihnen besonders am Herzen? Sie engagieren sich nun mal für verschiedene, tolle Projekte.
    Die Art der Debattenführung ist das Relevanteste an diesem Stück. Robert Icke gehört zu den besten Autor:innen, die es zur Zeit gibt. Das hat er mit diesem Stück eindrucksvoll bewiesen. Es geht nicht darum, wer Recht hat, sondern um das Aufzeigen gesellschaftlicher Dynamiken und Machtgefüge. Mich persönlich interessiert auf jeder Ebene die Gleichberechtigung. Je patriarchaler die Strukturen sind, desto mehr Ungleichgewicht herrscht. Dafür einen Blick zu entwickeln ist der Anfang, um wirklich etwas verändern zu können. Alle Projekte, die ich unterstütze oder initiiere, versuchen Ungerechtigkeiten auszugleichen. Da Frauen und Mädchen nun mal diejenigen im Patriarchat sind, die trotz ihrer Fähigkeiten benachteiligt sind, geht es in meinen Projekten immer um die Stärkung der Frauen.

    Auf welche Eigenschaften sollten Ihrer Meinung nach mehr Menschen zurückgreifen? Wo liegen in unserer Gesellschaft die wesentlichen Schwachstellen und wie könnte sich das ins Positive verändern?
    Wir müssen uns gegenseitig zuhören. Wirklich zuhören. Nicht einfach warten, bis jemand zu Ende gesprochen hat, um dann vor allem wieder sich selbst zuzuhören und im Gegenüber nur die Bestätigung zu suchen. Fragen stellen, neugierig und vor allem immer lösungsorientiert sein. Mit Reaktanz lassen sich die Probleme unserer Zeit nicht lösen.

    Dr. Ruth Wolff ist eine Koryphäe in ihrem Gebiet. Abgesehen vom Schauspiel, was können Sie persönlich besonders gut?
    Überzeugungsarbeit leisten. Ich glaube, das ist mein Hauptmotiv. Damit gleiche ich aus, dass ich alles andere nur so halb kann. Aber dafür habe ich mir ja den perfekten Beruf ausgesucht.

    Und worin sehen Sie den prägnantesten Mehrwert in dem Stück? Welche Impulse können die Zuschauer:innen mit nach Hause nehmen?
    Dieses Stück ist sehr überraschend und spielt geschickt mit unserer Wahrnehmung. Als Zuschauer:in ist man anders involviert in den Verlauf des Stückes, als man es gewohnt ist. Man kann sich auf nichts verlassen und erfährt so – sehr unmittelbar – wie Manipulation funktioniert.

    Wie lief die Zusammenarbeit mit Regisseur und Kolleg:innen?
    Wir haben ein wunderbares Ensemble. Neben den tollen Kolleg:innen, die ich neu kennenlernen durfte, habe ich das Vergnügen mit meinem langjährigen Kollegen und Freund Gerd Lukas Storzer zu spielen, mit dem ich bereits zusammen auf der Schauspielschule war und schon oft gemeinsam auf der Theaterbühne stand. Antje Otterson, die im Stück die Liebe meines Lebens spielt, ist im wahren Leben die Schwester meiner Schwägerin. Unsere beiden gemeinsamen Nichten freuen sich schon darauf, beide Tanten zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne zu sehen. Manchmal gibt es diese schönen Zufälle. Und die Zusammenarbeit mit Hartmut Uhlemann, dem Regisseur, ist sehr angenehm und kreativ.

    Was macht das Ernst Deutsch Theater zu einer guten Spielstätte?
    Der Spielplan des Theaters ist besonders. Die Auswahl – eben auch an politischen Stücken – ist großartig. Auch die Probebühne, die direkt neben den Werkstätten liegt, ist toll. Die kurzen Wege zu den Werkstätten, der Tischlerei und der Schneiderei, lassen uns das Entstehen eines Theaterstücks auf eine besondere Weise gemeinsam erleben. ho

    Tipp und Tickets: „Die Ärztin” im Ernst Deutsch Theater, Termine: 21.03. bis 19.04.
    Tickets unter www.ernst-deutsch-theater.de

    Bilder: © Mirjam Knickriem/Photoselection